Die humanistische Antwort

Frankfurter Rundschau:

«Die Schweizer stimmen nächste Woche über die Einführung eines Grundeinkommens ab. Volksinitiativen-Initiator Häni spricht im Interview über Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.»

Die humanistische Antwort

 

«Herr Häni, Sie sind für eine der am meist beachteten Politkampagnen der vergangenen Jahre verantwortlich. Wegen Ihrer Volksinitiative wird in der Schweiz am 5. Juni als erstem Land der Welt über ein Grundeinkommen abgestimmt. Aber die Chancen für einen Sieg stehen schlecht, Sie selbst finden es „blauäugig, daran zu glauben“. Das muss doch frustrierend sein?
Nein, gar nicht. Demokratie ist kein Gewinnspiel. Es geht darum, die richtigen Fragen zu stellen und diese zu diskutieren. Dafür ist die direkte Demokratie bestens geeignet. Unsere Initiative ist echt sokratisch – es geht um den Dialog und die Bewusstseinsbildung.

Sie wollen also gar kein Grundeinkommen einführen?
Doch, perspektivisch natürlich schon. Aber das ist keine Hauruck-Veranstaltung, eher ein Marathon und wir sind jetzt vielleicht bei Kilometer 25. Die Schweiz ist ein konservatives Land, da braucht man keine Angst zu haben, dass das Grundeinkommen sofort eingeführt wird (lacht). Was ich aber schon jetzt erlebe ist das Gegenteil von Frustration: Es ist großartig, wie breit und emotional diese Idee verhandelt wird. Dabei stellt das Grundeinkommen vor allem zwei fundamentale Fragen. Die erste ist an jeden Einzelnen gerichtet: Was würdest du arbeiten, wenn für dein Einkommen gesorgt wäre? Es geht darum, was man wirklich tun will. Die andere Frage ist die weitaus schwierigere: Wie denkst du über die Anderen? Bist du bereit, die Existenz deiner Mitmenschen bedingungslos zu gewähren?

Wenn niemand mehr schlecht bezahlte Jobs annehmen müsste, wie würde das die Arbeitswelt verändern?
Es könnte endlich Fairness einziehen in die Bewertung der Arbeit, gerade im Niedriglohnsektor. Und Fairness hat ihren Preis, aber faire Einkommen können doch kein Übel sein. Die Einkommensverteilung würde sich neu ordnen, weil Menschen tatsächlich freiwillig entscheiden können, was sie machen. Dann bekommt Sinn einen Vorteil und Zwang einen Nachteil – darum geht es.

Würden viele Menschen mit einem Grundeinkommen ihre Arbeitszeit nicht dennoch drastisch reduzieren?
Vielleicht, aber wie sagt der Volksmund: „Weniger ist mehr“. Die Frage ist ja schon länger, ob wir immer weiter quantitativ wachsen können, oder besser in der Qualität. Vielleicht arbeiten Menschen mit einem Grundeinkommen weniger, aber mit mehr Motivation und Produktivität. Und womöglich kann die Gesellschaft so vom Paradigma wegkommen, auf Teufel komm raus wachsen, verkaufen und konsumieren zu müssen.

Sie betreiben in Basel das größte Kaffeehaus der Schweiz. Müssen die Mitarbeiter dort nicht arbeiten, wenn sie nicht wollen?
(Lacht.) Zumindest arbeiten wir in flachen Hierarchien und fördern Verantwortung und Selbstbestimmung unserer Mitarbeiter. Es soll immer die Eigeninitiative angesprochen werden – und das klappt sehr gut. Und es gibt im Kaffeehaus keinen Konsumzwang.

Es geht nicht ums Geld?
Natürlich müssen wir auch Geld verdienen. Aber es ist ein Stück weit wie beim Grundeinkommen: Geld ist nur das Mittel, der Zweck sind mehr Selbstbestimmung, Emanzipation und Freiheit.»

Comments

  1. Absolut einverstanden, hoffe das wir mit dieser Abstimmung ein Zeichen setzen, und ein Wegweiser in eine Ungewisse Zukunft . Markus Niederberger Novaggio , Unternehmer

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