Freiheit für alle – Verantwortung für alle andern

Die Politikphilosophin und -beraterin Dr. Katja Gentinetta nimmt sich wiedermal das Grundeinkommen vor. Es scheint sie nachhaltig zu ärgern. Ihr neustes Entsetzen finden Sie auf dem Blog von philosophie.ch

Freiheit für alle – Verantwortung für alle andern

 

Hier der Text von Frau Gentinetta mit einigen Bemerkungen:

Die Idee des bedingungslosen Grundeinkommen ist verführerisch einfach: Jeder Staatsbürger, jede Staatsbürgerin erhält ab Geburt und unabhängig von Alter, Arbeit und Einkommen einen festen Betrag zur freien Verfügung. Die schweizerische Volksinitiative schlägt zu 2‘500 Franken monatlich vor, 635 Franken für Kinder. Zum Vergleich: die SKOS veranschlagt (2013) als monatlichen Grundbedarf 896 Franken pro Person vor, wobei die Summe mit steigender Haushaltsgrösse sinkt.

Die Volksinitiative definiert keine fixen Zahlen, sondern bestimmt, dass die Höhe des Grundeinkommens ein menschenwürdiges Dasein erlaubt.

Ganz abgesehen von diesen Zahlen, die jeden, der auch nur halbwegs rechnen kann, ob der sorglosen Grosszügigkeit erschaudern lässt, unterminiert dieses Modell unsere Grundwerte der Gerechtigkeit, Freiheit und Verantwortung.

Gerechtigkeit

Jedem das Seine oder jedem das Gleiche – über diese Frage hat sich bereits Platon Gedanken gemacht. Aristoteles kam zu einer bis heute gültigen Unterscheidung zwischen der „austeilenden Gerechtigkeit“ und der „verteilenden Gerechtigkeit“. In beiden Fällen kommt zwar das Prinzip der Gleichheit zum Zug, aber in unterschiedlicher Weise. Die „austeilende Gerechtigkeit“ orientiert sich am Prinzip der Gleichheit von Gabe und Gegengabe – wie bei einem Tausch oder einer Strafe. Die „verteilende Gerechtigkeit“ strebt Proportionalität an. Zu verteilende Güter werden nach Massgabe des Verdienstes vergeben: Ehren, Ämter, Güter kommen jenen zu, die sie verdienen.

Das bedingungslose Grundeinkommen entspricht nun weder der einen noch der anderen Form der Gerechtigkeit. Es wäre entweder eine Gabe ohne Gegengabe – eine Leistung ohne Gegenleistung, ein Lohn ohne Arbeit. Oder es wäre eine irreführende Interpretation des Wortes „Verdienst“, denn der einzige Verdienst als Bedingung für dieses bedingungslose Grundeinkommen wäre die schlichte Existenz. Wer geboren wird, hat Anrecht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen; wer Kinder in die Welt setzt, erhält noch mehr davon.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist in der Tat kein Lohn und ebenso kein Verdienst. Es macht lediglich den Teil des Einkommens, den man unbedingt braucht, bedingungslos.

Etwas konkreter auf unseren Sozialstaat bezogen heisst das: Geld wird dem Einzelnen ausbezahlt, ohne dass seine Bedürftigkeit – wie jetzt bei der Sozialhilfe oder den Ergänzungsleistungen – überprüft wird.

Das ist richtig, denn es macht keinen Sinn zu überprüfen, ob jemand das Existenzminimum benötigt.

Damit verspricht das bedingungslose Grundeinkommen den Abbau sämtlicher anderer Sozialleistungen und der Sozialbürokratie. Unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit aber ist es äusserst fraglich – fragen Sie sich selbst! – ob es gerecht ist, einem durch Invalidität erwerbsunfähigen Menschen gleichviel zum Leben zu geben wie einem vitalen und gut ausgebildeten Menschen.

Das ist falsch. Die Volksinitiative sagt an keimem Punkt, dass mit dem bedingungslosen Grundeinkommen sämtliche Sozialleistungen abgeschafft werden. Das Grundeinkommen würde allerdings den Sockel aller Sozialleistungen von ihren Bedingungen befreien. Ein höherer Bedarf, z.B. bei Invalidität, bleibt selbstverständlich und sinnvollerweise bestehen.

Freiheit und Verantwortung

Freiheit ist ein hohes Gut. Sie ermöglicht dem Einzelnen, sein Leben nach seinen Vorstellungen zu leben. In unserer westlichen Gesellschaft haben wir nach Abschütteln mancher – insbesondere religiöser, aber auch gesellschaftlicher – Vorgaben einen hohen Grad an Freiheit erlangt. Die einzige Voraussetzung dafür ist die Fähigkeit, dies aus eigener Kraft zu tun. Dass nicht alle dieselbe Kraft besitzen, wissen wir. Aus dieser Einsicht ist unser Sozialstaat entstanden. Eine inzwischen beachtliche Vielfalt von Versicherungen und Bedarfsleitungen sichert nicht nur gegen Wechselfälle des Lebens ab, sondern ermöglicht auch soziale Teilhabe, unabhängig von der eigenen Fähigkeit, für sich zu sorgen.

Das Prinzip, dass dieser Einsicht und damit auch dem Sozialstaat zugrunde liegt, heisst: keine Freiheit ohne Verantwortung. Wir sind frei, tragen aber die Verantwortung für uns selbst. Wo die Verantwortungsfähigkeit eines Einzelnen nachweislich an seine Grenzen stösst, springt der Staat – sprich: die Allgemeinheit – ein.

Das bedingungslose Grundeinkommen missachtet auch dieses Prinzip. Es sieht vor, dass der Einzelne Geld vom Staat erhält, ohne dass er jedwelche Vor- oder Gegenleistung erbracht hat oder je wird erbringen müssen. Damit verzichtet der Staat nicht nur auf die Festlegung, dass jeder alles in seiner Macht Stehende tun muss, um zunächst für sich selbst zu sorgen, bevor ihm die Allgemeinheit unter die Arme greift. Er verbaut sich auch die Möglichkeit, Einzelne zur Rechenschaft zu ziehen.

Wir alle können uns somit nicht mehr vor der Ausbeutung derjenigen schützen, die nicht selbst für sich sorgen wollen, selbst wenn sie es denn könnten.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet nichts mehr und nichts weniger als: Freiheit für alle – Verantwortung für alle andern. Das kann nicht aufgehen.

Es ist ein Irrtum zu glauben, wir Menschen würden uns selber versorgen. Siehe: Niemand arbeitet mehr für sich selbst

Auch hierzu eine konkreter Blick auf unseren Sozialstaat: Die Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens werben zuweilen mit dem Claim der „altersunabhängigen AHV für alle“. Der Vergleich hinkt allerdings, denn für die AHV-Rente muss man zumindest die Bedingung des erreichten Rentenalters erfüllen; überdies hat man ein Arbeitsleben lang für die Rentnerinnen und Rentner der vorherigen Generation einbezahlt, also gewissermassen eine Vorleistung erbracht. Auch die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens für Familien mit tiefem Einkommen ist ein Widerspruch in sich, denn damit wird eine Bedingung geschaffen, die es wiederum zu prüfen gilt.

Diesen Vorschlag gibt es nicht von der Initiative.

Man kann es drehen und wenden, wie man will. Das bedingungsloses Grundeinkommen ist eine Idee, die nicht nur an der Realität der Gesellschaft und des Menschen vorbeizielt, sondern auch an unseren Grundfesten rüttelt.

Letzteres allerdings stimmt. Das bedingungslose Grundeinkommen rüttelt an Denkgewohnheiten. Neu gilt: Freiheit für alle anderen, Verantwortung für mich, ihnen diese nicht abzusprechen.

Streitgespräch von Katja Gentinetta mit Daniel Häni

Comments

  1. Guten Tag,

    Frau Katja Gentinetta hat vollständig Recht. Sie hat Recht!
    Ein bGE würde die Verantwortung auf alle Anderen auslagern. Herr Häni müsste dann nicht mehr malochen, und Christian Müller auch nicht. Dafür müsste ich mehr malochen, um Herrn Häni und Herrn Müller mitzutragen! Das will ich nicht, das will ich einfach nicht, warum soll ich für Herrn Häni und Herrn Christian Müller zahlen, wenn ich das nicht will? Sie können ja arbeiten, aber sie wollen nicht. Ich zahle gerne für jemanden, wenn jemand nicht kann, wenn jemand nicht WILL, dann habe ich kein Verständnis dafür.

    Ihr Markus Fenner

  2. Ich hätte mir gerade zu dieser eigentlichen philosphischen Kernfrage – Freiheit und Verantwortung – eine stärkere Ausdifferenzierung durch Gegenargumente gewünscht. Nach dem langen Absatz zu diesem Thema lediglich zu erwiedern: „Es ist ein Irrtum zu glauben, wir Menschen würden uns selber versorgen“ mit dem Verweis auf einen anderen Beitrag, mag evtl sachlich ausreichend sein, schwächt das >Streitgespräch< aber ausgerechnet an seinem Höhepunkt ab.
    Dabei sollten die vielen Einzelaussagen, die Frau Gentinetta hier aneinander reiht, um zu ihrem Fazit gegen das Grundeinkommen zu gelangen, durchaus kommentiert, ausdifferenziert und hinterfragt werden.

    ["Freiheit ist ein hohes Gut. Sie ermöglicht dem Einzelnen, sein Leben nach seinen Vorstellungen zu leben."]
    # Genau dieser Aspekt der Freiheit ist ebenfalls das Ziel des BGE.

    ["In unserer westlichen Gesellschaft haben wir nach Abschütteln mancher – insbesondere religiöser, aber auch gesellschaftlicher – Vorgaben einen hohen Grad an Freiheit erlangt."]
    # Das mag geistesgeschichtlich und sozialpolitisch richtig sein, aber wirtschaftlich befindet sich ja der Großteil der Menschen nicht in Freiheit, sondern in Abhängigkeit.

    ["Das Prinzip, dass dieser Einsicht und damit auch dem Sozialstaat zugrunde liegt, heisst: keine Freiheit ohne Verantwortung. Wir sind frei, tragen aber die Verantwortung für uns selbst. Wo die Verantwortungsfähigkeit eines Einzelnen nachweislich an seine Grenzen stösst, springt der Staat – sprich: die Allgemeinheit – ein. […] Ein bedingungsloses Grundeinkommen bedeutet nichts mehr und nichts weniger als: Freiheit für alle – Verantwortung für alle andern. Das kann nicht aufgehen."]
    # Hier wünsche ich mir eine genauere Definition, wie Frau Gentinetta eigentlich Verantwortung versteht. Sie scheint in dieser Verknappung Rechte und Pflichten zu vermischen, wodurch "Verantwortung für sich tragen" als eine Art von lästiger Pflicht erscheint und nicht bspw. als Privileg der eigenen Mündigkeit.
    Ich wünsche mir eine Unterscheidung der Phänomene: Verantwortung alleine tragen *müssen*, Verantwortung auf alle verteilen *können* und Verantwortung für sich selbt übernehmen *dürfen*. Das letzte macht die Freiheit aus, die das BGE jedem ermöglichen könnte – ebenso unabhängig von der (körperlichen, geistigen, psychischen) Fähigkeit, sich selbst durch Arbeit versorgen zu können, wie im Sozialstaat – aber würdevoller für alle Beteilgten!

    ["Wir alle können uns somit nicht mehr vor der Ausbeutung derjenigen schützen, die nicht selbst für sich sorgen wollen, selbst wenn sie es denn könnten."]
    # Da endet nun auch mein Wunsch nach stärkeren Gegenargumenten. Mit diesem Satz entlarvt Frau Gentinetta schließlich doch die Wurzel ihres Ärgers: ein zutiefst negatives und angsterfülltes Welt- und Menschenbild. Gegen solche Ängste kommen Argumente nicht an. Vertrauen entsteht und festigt sich nur durch positive Erfahrungen.
    Wir haben wohl alle noch sehr viel Mitmenschliches zu leisten, bevor die Ängstlichen auch nur ans Grundeinkommen zu denken wagen….

  3. Seit wir Frau Gentinetta 2010 in Luzern an ein Podiumsgespräch zum bGE eingeladen haben (u.a. mit Klaus Stöhlker, Ueli Mäder und Peter Ulrich) scheint sie nichts, aber auch gar nichts dazugelernt zu haben. Nicht dass zu erwarten gewesen wäre, dass sie ihre Meinung ändert… aber mit den gleichen unsinnigen „Argumenten“ zu hantieren wie vor 4 Jahren zeigt, dass sich da eine Dogmatikerin zum Thema äussert, nicht jemand der nach Lösungen sucht…

  4. „Das bedingungslose Grundeinkommen…wäre entweder eine Gabe ohne Gegengabe – eine Leistung ohne Gegenleistung, ein Lohn ohne Arbeit.“ – Frau Dr. Gentinetta: Bezahlen Sie für die Luft die Sie atmen, für das Stück Erde auf dem Sie grad stehen? Das sind „Gaben“ die jeder bedingungslos erhält – ohne Gegengabe. Es sei denn wir definieren es als Gegengabe, dass jemand lebt, da ist, sich auf die eine oder andere Weise einbringt in dieser Welt. Und genauso wie wir Luft zum Atmen und einen Platz brauchen, brauchen wir Nahrung. Früher hätte diese ein Stück Land gesichert auf dessen landwirtschaftliche Nutzung jeder Anspruch hat. In einer Welt der Fremdversorgung brauchen wir statt einem Gemüseacker eben ein Einkommen, das wir über unseren Konsum wieder in die Allgemeinheit zurückgeben. Nahrung braucht Boden. Wenn der Zugang zu Böden sehr ungleich verteilt ist, müssen wir eben über ein BGE sicherstellen, dass jeder ein würdiges Dasein führen kann.

    • „Bezahlen Sie für die Luft die Sie atmen, für das Stück Erde auf dem Sie grad stehen?“

      Ist zwar eine rhetorische Frage, ich antworte aber trotzdem mal.

      Bezahlen sie für das Stück Erde auf dem Sie grad stehen? Antwort: Ja, zu Hause bezahle ich Miete, oder musste für das Haus bezahlen. Auf öffentlichen Strassen zahle ich mit meinen Steuern – auf Autobahnen mit der Maut. Bei meinem Arbeitgeber durch meine Arbeitskraft. Es gibt sogar recht wenige Orte an denen man einfach sein darf ohne irgendwie dafür zu zahlen.

      Bezahlen Sie für die Luft die Sie atmen: Als Person selbst nicht (da ist mein Luftverbrauch auch klein). Aber etwas erweitert stellt sich die Frage ob ich dafür bezahle wenn ich fossile Energieträger verbrenne. Antwort: Im EU Energiesektor – ja. Denn da gibt es den CO2 Handel (also gerade das bezahlen für das Recht des verbrennens oder „atmens“). Global gesehen ist sogar das vermeintliche Recht die athmosphäre ohne Gegenleistung in beliebiger Menge zu Nutzen der Grund für den Klimawandel. Die Atmosphäre wird ja gerade als kostenlose Müllkippe für das bei der Verbrennung von fossilen Energieträgern entstehende CO2 benutzt.

      • Das Argument mit dem CO2-Handel ist inhaltlich falsch, da es sich dabei nicht um den Handel der „Nutzung“ von Luft, sondern um ein/e Recht/Strafe für Verschmutzung handelt, daher auch der Begriff „Verschmutzungsrechte“

  5. Schlecht und inkonsitent argumentiert. Ich hatte gehofft richtige Gegenargumente zu hören. Stattdessen sucht die Autorin vergeblich nach Argumenten, um ihre Meinung und ihr Weltbild zu unterstützen…

  6. Ein BGE würde es dem Einzelnen ermöglichen, ausbeuterische Leiharbeit und Werksverträge schlicht nicht mehr anzunehmen. Davor hat das Establishment ZURECHT eine Heidenangst. Es wäre gezwungen, die Zinsen und Zinseszinsen für ihren Reichtum selber zu erwirtschaften! Nix mehr mit leistungslosem Einkommen auf dem Rücken der Minderprivilegierten! Ja was wird denn dann aus dem Wachstum? Wo kommen wir denn da hin, wenn wir niemanden mehr ausbeuten können, sondern mit fairen Konditionen überzeugen müßten, eine Stelle anzunehmen? Nein, also DAS kann diese „Gesellschaft“ nicht tragen – dabei wird dann in schöner Verläßlichkeit vergessen, wer denn die Gesellschaft eigentlich ist – RICHTIG! Nicht das Establishment, die kleinen Leute sind die Gesellschaft! Und woran merkt man das? Richtig! Die bezahlen all den Luxus, der Ihnen verwehrt bleibt. Das BGE ist die beste Idee, diese Ungerechtigkeit aus der Welt zu schaffen.

  7. Bei Menschen, die „es“ in diesem System „geschafft“ haben, die Profiteure und Privilegierte sind, bei denen Ihre Arbeit bereits nicht allein Erwerb, sondern Berufung ist – in der Regel vor allem aus dem Grund der Geburt in einer bestimmten Familie und/oder glücklichen Umständen – findet man es erstaunlich häufig, dass sie von Selbstverantwortung oder von Leistungsgerechtigkeit etc. sprechen. Sie sollten lieber von Zufall oder Glück sprechen. Das würde eher erklären, warum sie etwas Bestimmtes erreicht haben. Und bei Zufall von Gerechtigkeit zu sprechen, kann nur mit Schicksalsgläubigkeit erklärt werden. Philosophen sind zudem nicht objektiv, sondern entwickeln ihre Philosophie und Denkgewohnheiten aus ihrer Sicht auf die Welt, die wieder maßgeblich von ihren Lebensumständen geprägt wurde. Man stelle sich vor, Frau Gentinetta müsste eine Arbeit verrichten, die ihr keinen Spaß macht und nur unzureichend den Lebensunterhalt sichert (aufgrund kapitalistischer Ausbeutung). Zudem wäre sie sich dieser Umstände tatsächlich bewusst. Wir würden vermutlich eine andere Meinung von ihr lesen. Ihre jetzige Meinung zum Grundeinkommen stellt so nicht mehr als eine elitäre und auf Sicherung eigener Privilegien bedachte Äußerung dar. Daher wird sich ihre Einstellung auch nicht aufgrund guter Argumente ändern, weil hier die Meinung der Verteidigung dieser Privilegien dient. Und so sucht man sich zu Gerechtigeit oder Freiheit oder was auch immer, seine passenden Zitate zusammen, um so der eigenen Meinung etwas objektives oder weihevolles zu geben. Natürlich sind reihenweise andere oder gegenteilige Zitate zu finden. Die philosophische Auseinandersetzung von Frau Geninetti ist für mich daher lediglich eine verkappte, höchst persönliche politische Meinungsäußerung. Ein Grundeinkommen muss sich nicht in der Philosophie, sondern in der Realität erweisen, muss die Lebensbedingungen von Menschen verbessern helfen (sie (zumindest im statistischen Mittel) also glücklicher machen und die Umweltbedingungen zumindest nicht verschlechtern). Wenn Frau Gentinetta auch mehr Glück für die Menschen will, mehr Selbstentfaltung etc. dann soll sie statt philosophischer Taschenspielertricks lieber Gegenvorschläge machen.

    • Gut auf den Punkt gebracht! Bei Diskussionen ums Thema Bedingungsloses Grundeinkommen prallen Weltbilder aufeinander, die sich aus den jeweiligen Lebensumständen („Normalitäten“) generieren. Allerdings findet das nur im Subtext statt, da schwingen Ängste und emotionale Schutzhaltungen mit. Die eigentlichen Argumente tarnen sich jedoch rational. Das macht die Diskussionen so festgefahren.
      Was ich jedoch nicht verstehe ist, warum finanziell Privilegierte überhaupt das Gefühl haben, gegen eine Idee wie die des BGE irgendwelche „Privilegien verteidigen“ zu müssen. Denn BGE bedeutet nicht Enteignung der Reichen oder Luxusverbot. Der einzige Verlust, den es zu „beklagen“ geben wird, ist das Wissen, dass manche nicht mal genug zum grundlegenden Überleben haben!

      • Die Angst vor dem „Verlust von Privilegien“ liegt darin begründet, dass durch ein BGE eine sinkende Nachfrage nach Geld erwartet wird, was einen allgemeinen Wertverlust, des bislang künstlich verknappten Geldes, nachziehen würde. Luxus existiert nur, weil es Knappheit gibt.

  8. Es wäre schön wenn die Dame mal im 21. Jahrhundert ankommen. Bei all der Rationalisierung ist es doch gar nicht mehr möglich, das jeder einen Arbeitsplatz bekommt. Da Leistung immer noch an Gegenleistung knüpfen zu wollen ist einfach nur total rückständig…..

  9. So richtig philosophisch ausdrücken kann ich mich nicht. Mir scheint aber, dass Fr. Gentinetta davon ausgeht, finanzielle Ressourcen seien in der Regel mit entspr. Leistung verbunden und somit im Prinzip richtig verteilt. Wer zu wenig hat, hat zwar einen Anspruch auf Unterstützung durch die Gesellschaft, aber dass er zu wenig hat, ist prinzipiell richtig, genau so, wie die entspr. Abhängigkeit. Eins scheint sie gar nicht zu verstehen: Nur, wenn das bedingungslose Grundeinkommen wirklich bedingungslos ist, kann vermieden werden, dass die Gesellschaft aufgesplittet bleibt in „Geber“ und „Nehmer“, die sich untereinander nicht die Butter aufs Brot gönnen. Neid ist eine Emotion und somit stärker, als rationales Denken. Genau diese Emotion ist das Futter für Parteien und Organisationen, welche sich in der Rolle derer, die das Füllhorn in den Händen haben, gegenüber ihrem Klientel profilieren können. Der Begriff „Gerechtigkeit“ ist somit beliebig.

  10. „Man kann es drehen und wenden, wie man will“: Diese Dame ist Verfechterin des Raubtier-und Monopol-Kapitalismus – was soll man von ihr erwarten? Einen visionären Blick in die Zukunft? Sicherlich nicht! Dieser Kapitalismus hat keine Visionen mehr und ebenso ihre Verfechter. Und tatsächlich glauben sie – und das obwohl der Club of Rome schon vor 50 Jahren die Idee des kapitalistischen Wachstums mit besten Gründen angezweifelt hat – dass es irgendwie immer so weiter geht. Vollkommen verrückt! Es genügt schon eines: den Focus zu verschieben und zu sehen, dass der Gedanke der „Gewinnmaximierung“ von grundauf widernatürlich ist. An der Realität der Gesellschaft (und ich meine jetzt mal die globale Gesellschaft) gehen die Gedanken dieser Dame vollkommen vorbei. Die kapitalistische Wirtschaftsweise hat versagt. Das ist die Wahrheit. Und sie – diese Wirtschaftsweise – rüttelt an den Grundfesten unserer Werte wie Gerechtigkeit und Solidarität und zielt an den wahren Bedürfnissen der Menschen vorbei. Wie unglaublich verdreht doch die Argumente dieser Dame sind und aus dem Blickwinkel der „globalen Realität“. Der Kapitalismus hat versagt, Frau Gentinetta! Und nun wird es Zeit für neue solidarische Formen des Wirtschaftens in der nicht mehr das Kapital, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht. Dass Ihnen das zuwider ist, ist klar, sie beraten schließlich jene Politiker, die dieses System im Dienste des Großkapitals weiter stützen. Es geht um wahrhaftige Solidarität Frau G. und nicht um Almosen der „Stärkeren“ – die Evolution geht weiter – und es wird Zeit, dass Menschen wie Sie ganz fundamental Ihr Menschen- und Weltbild überdenken!

    Auch ich hätte einen Philosophen anzubieten – einen von vielen, Jean-Jaques Rousseau:
    „Der erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab und auf den Gedanken kam zu sagen „Dies gehört mir“ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der eigentliche Begründer der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wie viel Elend und Schrecken wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: „Hütet euch, dem Betrüger Glauben zu schenken; ihr seid verloren, wenn ihr vergesst, dass zwar die Früchte allen, die Erde aber niemandem gehört.“

  11. Frau Gentinetti versteht unter verantwortungsgetragener Freiheit anscheinend die „Leistung“ der Wenigen, deren (Un)Vermögen aus dem leistungslosen Einkommen von Zins und Zinseszins aller anderen Menschen dieser Erde entsteht. Sie übersieht dabei aber, das die meisten Menschen dieser Erde schon längst gerade des Vermögens beraubt sind, dass intrinsisch initiierte selbstverantwortete Freiheit überhaupt erst ermöglicht: die eigene Scholle, aus der die Selbstversorgung entspringt. Das Äquivalent für dieses Möglichkeit, tätig werden zu können, kann nur ein bedingungsloses Grundeinkommen sein, weshalb es heute einer sozioökonomischen Notwendigkeit entspricht.

  12. »Jedem das Seine oder jedem das Gleiche – über diese Frage hat sich bereits Platon Gedanken gemacht.«

    Die ersten drei Worte wurden auch später verwendet; Als Botschaft über den Toren deutscher Konzentrationslager. Schade, wenn man sich mit Geschichte brüstet, aber die dunklen Kapitel ausschließt, in denen man aufs grausamste versuchte, Menschen u.a. nach ihren Fähigkeiten zu klassifizieren.

  13. Es ist ein gutes Zeichen, wenn sich Frau Gentinetta ärgert. Das Ringen nach scheinbar guten Gegen-Argumenten wird immer schwieriger. Ausserdem haben die Befürworter des BGE noch einiges in der Pipeline.

    # Gerechtigkeit #
    ( 1 ) Gerechtigkeit kann nur durch Vernunft entstehen. Dabei ist es wichtig, dass man Vernunft und Intelligenz genau unterscheidet. Ein Bankräuber, der sich nicht erwischen lässt, ist beispielsweise sehr intelligent, jedoch nicht venünftig. Bei der Vernunft steht nur das Gemeinwohl im Mittelpunkt und nicht die persönliche Bereicherung. Der Kapitalismus belohnt jedoch nur die Intelligenz und kultiviert somit die Raffgier. Mit dem Grundeinkommen wird sich dieser Tatbestand jedoch ändern. Wenn eine Gesellschaft seine Bürger mit Zwangsarbeit, Existenznot, Gängelung und sonstiger Schande bestrafen darf, dann wird gleichzeitig auch das aktive Mitdenken über Gerechtigkeit für viele Leute zum Luxus. Die Arbeitnehmer werden gefügig gemacht. Die Kapitalisten lieben die angepassten JA-Sager.

    ( 2 ) Der Streit um Gerechtigkeit ist nur wegen dem Eigentum entstanden. Gäbe es kein Eigentum, könnte sich jeder Mensch in der Natur bedienen. Das die Natur jetzt den Eigentümer gehört, ist das grösste Verbrechen in der Menschheitsgeschichte. Nur das Grundeinkommen kann dieses Verbrechen neutralisieren. Mit dem BGE bekommt jeder Bürger ein Stück Natur. Mir wäre jedoch auch egal, wenn Frau Gentinetta lieber das Eigentum abschaffen möchte.

    ( 3 ) Aristoteles lebte 400 Jahre vor Christus. Ein uralter Käse. Vielleicht sollte Frau Gentinetta einmal André Gorz lesen. Auch in der Philosophie kann es Fortschritte geben. Ausserdem hat Frau Gentinetta die Sophisten nicht erwähnt. Die Sophisten kannten den Unterschied zwischen Physis und Thesis. Die Physis ist die Natur und die Thesis beispielsweise der Kapitalismus. ( Erfindung des Menschen )
    Deshalb glauben die Kapitalisten, der Kapitalismus wäre die Realität, und nicht ein erfundener Teil der Realität. Somit könnten wir ohne Probleme den Kapitalismus abschaffen. Die Natur jedoch nicht, sie bleibt der einzige und wahrhafte Ernährer. Wer das Wahrhafte nicht erkennen will, kann nicht vernüftig sein und muss früher oder später absaufen. Die Kapitalisten haben nur 150 Jahre gebraucht, um den gesamten Planeten zu vergiften. Dies muss sofort gestoppt werden. Kein Mensch kann sich von Arbeitsplätzen ernähren.

    ( 4 ) Wenn Menschen nur dann Geld kriegen, wenn sie arbeiten, dann hinterfragt niemand, ob diese Arbeit überhaupt notwendig ist. Deshalb war es für die Kapitalisten so einfach, die geplante Obsoleszenz zu organisieren. Kein Tier in der Natur wäre jemals so dämlich, unnötige Energie oder Ressourcen zu verschwenden.

    ( 5 ) Es gibt drei Hauptgründe, weshalb Menschen reich werden wollen und somit nebenbei ihren ökologischen Fussabdruck vergrössern.
    ( der Eigentums-Narzissmus )
    Man sammelt Dinge, die man zwar nicht braucht, aber es schmeichelt meinem Ego, wenn man Dinge besitzt, die andere Menschen sich nicht leisten können. Mit Status-Symbolen kann ich meinen Erfolg zeigen und mich vom kleinen Fussvolk unterscheiden.
    ( die Angst vor der Zukunft )
    Dies ist das häufigste Motiv zum Reich werden. Es sind Kapitalisten, die Angst haben vor der Zukunft, weil sie dem Kapitalismus abgrundtief misstrauen. Natürlich will keiner dieses Motiv zugeben.
    ( die Dreckarbeit )
    Wenn ich reich bin kann ich auf Dreckarbeit verzichten. Auch Zwangs-Arbeit ist kein Thema mehr.
    Mit dem Grundeinkommen können wir diese drei Motive abschaffen. Eine kooperative Zusammenarbeit wird dann möglich und das Gemeinwohl steht im Mittelpunkt.

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