60 Prozent, die Dunkelziffer


Von Oswald Sigg

Es ist immer noch eine Dunkelziffer, obschon sie jetzt offiziell ausgewiesen ist. Gemäss einem Bericht des Schweizer Fernsehens soll aus den Erhebungen über die Armut des Bundesamtes für Statistik hervorgehen, dass 586‘000 Personen in der Schweiz bedürftig sind.  231‘000 Personen werden von der öffentlichen Sozialhilfe unterstützt. Daraus folgt, dass 60 Prozent jener Personen, die den rechtmässigen Anspruch auf Sozialhilfe haben, ihn nicht einholen. Die sogenannte Nichtbezugsquote findet man jedoch in keiner offiziellen Verlautbarung. Es gibt Politiker, die gehen mit einem Achselzucken darüber hinweg. Andere haben gewundene Erklärungen bereit bevor sie auf den Punkt kommen: „Was wollen sie: letztlich erspart uns das Phänomen noch viel höhere Sozialkosten.“

Fachleute der Sozialhilfe wie der Präsident der SKOS (Schweiz. Konferenz für Sozialhilfe), Walter Schmid, vermuten unter den NichtbezügerInnen zum Beispiel Jugendliche, die nur vorübergehend in einer Notlage seien. Es gebe aber möglicherweise auch Leute, die sich aufgrund ihrer Notlage einfach noch mehr einschränken würden.  Als angebliche Gründe für die Ablehnung von Sozialhilfe werden im Bericht des Schweizer Fernsehens folgende aufgezählt:  das Unwissen, die Scham, die Angst vor der Verschuldung, die Angst vor Veränderung des Aufenthaltsstatus oder die Verwandtenunterstützungspflicht. Vielleicht hat die Sozialhilfeabstinenz auch einfach den simplen Grund, dass es den Armen bei uns  immer noch zu gut geht, wie mir noch ein anderer Politiker zu überlegen gibt. Er sagt wenigstens, was er denkt. Und er hat insofern recht, als es wohl unsere Sozialpolitik ist, die zur Vermeidung der Sozialämter und ihrer Angebote führt. Was früher Fürsorge hiess, wird heute als finanzielle Sozialhilfe mit einer von politischem Misstrauen geprägten  Administration praktiziert.

Die EmpfängerInnen von staatlicher Unterstützung und Sozialhilfe werden von unserer Gesellschaft allzu oft ausgegrenzt, gedemütigt, benachteiligt, beleidigt, kontrolliert, verdächtigt. Kein Wunder, dass die meisten unter ihnen es vorziehen, erst gar nicht in diese Mühle zu geraten. Die Sozialpolitik ist verantwortlich für einen Prozess, der die Würde der betroffenen Menschen in Frage stellt. Und dieser Sozialpolitik und ihren Betroffenen könnte nachgeholfen werden mit einem bedingungslosen Grundeinkommen für alle. Wie lautet doch der zweite Satz im Initiativtext: Das Grundeinkommen soll der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben ermöglichen.

 

Die Nichtbezugsquote, ein gutes Argument die Eidgenössische Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen zu unterschreiben.

Comments

  1. Ich beziehe auch keine Sozialhilfe obwohl ich unter dem Existenzminimum lebe. Grund: Die Angst vor Verschuldung. Man will ja schliesslich auch wieder bessere Zeiten erleben können und nicht Sozialhilfebezüge jahrelang abbezahlen sobald man die Chance hat wieder im Berufsleben Fuss zu fassen.

  2. Kürzlich war ich auf der Polizeistation in Zürich-Oerlikon. Ich fragte den Polizisten, ob er mich im Gefängnis einsperren könnte, damit ich ein Dach über dem Kopf und eine Mahlzeit kriege.
    Der Polizist antwortete: dies geht leider nicht, sie Herr Vuillaume müssen zuerst ein Verbrechen begehen.
    In der dummen Schweiz gibt es also nicht einmal einen bedingungslosen Gefängnis-Aufenthalt. Ich muss also zuerst jemandem einen grossen Schaden zufügen, fals ich mit meinem Leben nicht mehr klar komme.
    Zum Glück kommt bald das bedingungslose Grundeinkommen. Mit dem Grundeinkommen wird es kaum noch Kriminalität geben.

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