Arbeitslosigkeit ist ein Sieg – zum Tod von Ulrich Beck

Der Professor der Soziologie Ulrich Beck ist am Neujahrstag gestorben. Der 1944 Geborene zählt zu den meistrezipierten deutschen Soziologen der Gegenwart. Mitunter gehört er zu den Vordenkern des bedingungslosen Grundeinkommens. Was er darin sieht und sich davon verspricht zeigt prägnant folgendes Interview, welches Ulrich Beck 2006 dem Tagesspiegel gab:

Arbeitslosigkeit ist ein Sieg

 

Ausschnitte:

Ist diese Idee nicht eine Utopie?

Ja, eine realistische, aber keine illusionäre. Illusionär ist die Vollbeschäftigung, von der unsere Gesellschaft immer noch träumt. Wir denken, es komme nur darauf an, die Konjunktur wieder anzukurbeln, damit jeder wieder Arbeit hat. Nach 20 Jahren ziemlich erfolglosen Kampfes gegen hohe Arbeitslosigkeit müssen wir uns die Frage stellen: Wie kann man ohne Arbeitsplatz ein sinnvolles Leben führen? Genau betrachtet ist Arbeitslosigkeit ja keine Niederlage, sondern ein Sieg. Die Produktivitätssteigerung erlaubt es, mit einem Minimum an menschlicher Arbeit ein Maximum an Wohlstand zu erzielen. Freiheit statt Vollbeschäftigung – das ist heute die Alternative.

Mal angenommen, das Grundeinkommen würde eingeführt: Wer würde da überhaupt noch arbeiten wollen?

Gerade dann werden viele erst arbeiten wollen, weil sie sich endlich den Lohn nicht mehr vom Arbeitgeber vorschreiben lassen müssen, sondern selbstständig über eine gerechte Vergütung verhandeln können. Sie riskieren dabei nichts, weil sie ja ihr Grundeinkommen haben.

Warum hat die Politik dann dieses Mittel nicht schon längst ergriffen?

Das Gerede von der Erwerbsarbeit als einzigem Sinnstifter unserer Existenz ist ein Herrschaftsinstrument. Alles ist bei uns auf Erwerbsarbeit ausgerichtet: der Rhythmus der Tageszeiten, die Ausbildung, der Übergang von der Pubertät ins Erwachsensein. Der Einzelne definiert sich vor allem über die Erwerbsarbeit; deshalb zwingt er sich zur Anpassung. Fällt dieser Selbstzwang weg, kann man die Freiheit nicht mehr kontrollieren – so fürchten viele. Wenn die Arbeit ausgeht, verlieren viele der Herren der Arbeitsgesellschaft das Fundament ihrer Macht.

Die Politiker fürchten um ihre Kontrolle?

So sieht es leider aus. Man hält das Gros der Bevölkerung für faul und willenlos. Dabei passt das Grundeinkommen zum Kapitalismus. Es würde eine enorme wirtschaftliche Mobilität, Produktivität und Kreativität entfalten. Viele Hindernisse, durch die der Produktionsprozess so ungeheuer gedrosselt wird, würden wegfallen.

Wie soll das Grundeinkommen finanziert werden?

Das Modell einer allgemeinen Konsumsteuer von Benediktus Hardorp halte ich für sinnvoll. Damit würde der Kapitalismus zugleich gefördert und gezähmt. Denn Steuern lassen sich überall unterlaufen, nur da nicht, wo die Ware verkauft wird. So wird der Unternehmer entlastet und beteiligt sich trotzdem am Gemeinwohl. Allerdings: Wer viel verdient, sollte auch zusätzlich direkte Steuern zahlen.

 

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Comments

  1. Ja, das System der Erwerbsarbeit ist ein Herrschaftsinstrument, genau wie es Urlich Beck sagte….
    Letzte Woche war eine Geschichte zum Langnauer Sozialamt zu lesen (20Min – «Sozialamt sagte, ich solle zu Pfarrer Sieber gehen»). Da wurde ein junger Mensch mit schon deutlichen Gesundheitschäden vom langtägigen Hungern vom Sozialamt einfach im Stich gelassen. Die haben offenbar nicht mal ein Stück Brot für einen hungernden Menschen. Soviel dann zur „Humanitären Tradition“ der Schweiz. Ich frage mich, ob so ein Vorgehen auch etwas wie Methode hat. So als Warnung für den Rest der Bevölkerung. „Ja, da sehr Ihr mal, wie es enden kann, wenn man nicht immer brav ist und arbeitet und spart!“ Ein Herrschaftsinstrument eben!
    Mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen wäre es gar nicht so weit gekommen, dass ein Mensch in der Schweiz mit Hungerschäden ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.

  2. ja, schön ist ein BG durchaus, würde es den Sozialhaushalt doch eher entlasten. Werden hier in Deutschland etwa Milliarden ausgegeben um 10 Millionen Menschen künstlich unter die Armutsgrenze zu drücken, werden freie Stellen künstlich geschaffen, indem man eine Stelle an bis zu 30 Zeitarbeitsfirmen vergibt um so eine „Jobblase“ von 30 Stellen zu schaffen die aber in dem Moment platzen wird wo wirklich ein paar tausend Arbeitslose erfolgreich die bundesweit maximal 8000 freien Stellen besetzt haben und keine mehr da sind? Um das in Deutschland wütende Hartz 4 System, zu erhalten darf prinzipiell keine dieser Stellen wirklich vergeben werden, weil ein Fehlen offener Stellen die Erkenntnis unausweichlich machen würde, dass Arbeit zur Basis eines Lebensunterhalts in einer mit dereguliertem Arbeitsrecht operierenden Gesellschaft nicht mehr taugt. Insofern möchte ich Herrn Fenner widersprechen der weiter oben behauptet, es würden alle als Arbeitskräfte zur nationalen Wertschöpfung benötigt.
    Sicher werden Arbeitslose für den Erhalt einer ganzen Vermittlungsindustrie aus staatlichen und privaten Stellen benötigt, werden aber an den abgeschöpften Gewinnen dieser Industrie nicht beteiligt, sondern zum Betriebsmittel, zur Ware degradiert.
    Eine nicht den Menschenrechten sowie den deutschen wie den schweizer Bürgerrechten entsprechende Rolle für die Betroffenen. Dies ist durchaus eine Form von menschenhandel, die vielleicht nicht so krass wirkt wie der Import von „Menschenware“ beispielsweise für die Zwangsprostitution, aber dennoch die selben Paragraphen der oben genannten Gesetzeswerke verletzt. Zudem ist von einer Solidarität in der Gesellschaft innerhalb Deutschlands nichts zu spüren.
    Wohlmeinende Chefs sind die Ausnahme, glückliche Angestellte ebenfalls. Kurzum eine verfahrene Situation, die nur Wenigen nutzt, die nicht einmal in diesem System stehen, sondern es von aussen mit Hilfe ihres Kapitals am laufen halten. Ob dies in der Schweiz anders ist kannich nicht beurteilen. In Deutschland weht aber ein kalter Wind.

  3. Ich glaube, ein Aspekt wird hier nicht beachtet, nämlich dass ein Grossteil der Menschen, die in der Arbeitstretmühle gefangen sind, sich nciht unfrei fühlen, sondern vielmehr nicht wüßten was sie mit ihrer gewonnen Tagesfreizeit machen sollten. Sie brauchen ein vorgegebenes korsett, das ihenen sagt, wann sie aufstehen, arbeiten, Pause machen, mittagessen, heimfahren, fernsehen sollen, und wären mit der freien Einteilung ihrer Zeit völlig überfordert. Des weiteren unglaublich, viele Menschen sind derart einsam, dass sie unbedingt zur Arbeit gehen wollen, weil es der einzige Sinn in ihrem Leben ist. Klingt für unsereins seltsam, sind meine Erfahrungen und Gespräche mit kollegInnen.
    Ich für meinen teil würde das bedingungslose Grundeinkommen befürworten, gibt es mir doch die Freiheit, das zu tun, was ich will, dazu gehören auch zu Hause zu bleiben wenn mein Kind krank ist, bei den Schularbeiten zu helfen, einen alten Elternteil unterstützen…das sind für mich die wahren Werte des Lebens. Und wenn ich arbeite, dann eben nichta ls SKLAVE für Geld sondern dort, wo es für mich Sinn macht. Stimmt, nicht als armes Würstchen das ständig vorm Chef Angst haben muss und des Geldes willen bis zur Pension durchhalten muss. Und wenn man Pech hat, stirbt man dann, ohne je gelebt zu haben.

    • Ich bin schon seit ewigen Zeiten für das Grundeinkommen und zwar für ALLE, finanziert über eine Konsumsteuer, die ja denn auch letztendlich JEDER leistet, und der sich viel und teure Sachen leistet, zahlt dann auch dementsprechend mehr, also endlich mal gerechter ohne steuerliche Schlupflöcher!!! Und die ach so vielen, dann unnötigen Behörden würden auch wegfallen, nur eine Krankenkasse, keine Rentenkassen und so weiter und so fort. Somit hätte man für Bildung und Soziales mehr Potential zur Verfügung, das wäre sinnvoll. Und selbstverständlich kann man auch zusätzlich zum Grundeinkommen arbeiten gehen, das werden die meisten auch machen, weil dann das BRUTTO- gleich NETTOEINKOMMEN ist, man handelt dann den Lohn selber mit dem Arbeitgeber aus. ALLES wäre viel freier und der Mensch würde dann auch wieder eigenständiger, selbstständiger werden.

      Es grüßt Susanne

    • Das problem dieser menschen ist hier in deutschland, das von den die körperlich schwer Arbeiten keiner bis 67 durchalten wird und so aus Krankheitsgründen oft schon mit 50 in Rente gehen muss. grund für die Verlängerung der Lebnesarbeitszeit ist einfach ein allgemeines Absenken der Rente für Arbeiter und einfache angestellte auf Sozialhilfeniveau. Ein Niveau von dem jett schin hierzulande keiner in Würde leben kann, wobei die Teuerungen hierzulande ja erst beginnen. Es wird im Verlauf dieses Jahres in deutschen Großstädten eine stark ansteigende Zahl an wohnungslosen Rentnern geben deren Rente die hohen Mieten in den Städten nicht mehr abdecken kann. Diese Menschen sind die ersten sogenannten „geburtenstarken “ Jahrgänge, die nach dem letzten Krieg als Babyboom hochgejubelt, aber weder genug Kindergartenplätze hatten nich Lehrer in grund und weiterbildenden Schulen, danach nicht genug lehrstellen und in den letzten jahren zu wenig Arbeitsplätze. Die Politik hat in den letzten 60 Jahren keinerlei Anstalten gemacht für diese Menschen etwas zu tun und wird auch jetzt diese verlorene Generation weiter in den Dreck treten. Allerdings steht der Höhepunkt dieser Entwicklung noch bevor, erst wenn die Generation der heute 45 – 55 jährigen das Rentenalter erreichen, wird sich die Lage nicht mehr verschlimmern. Wennich, der zu dieser Altersgruppe gehört, zurückblicke hat die Politik nichts getan was diese Entwicklung hätte abschwächen können, obwohl ihr die Dynamik der Entwicklung bekannt hätte sein können. Unterm Strich gesehn besteht die Sozialpolitik der letzten Jahre eher aus Augenwischerei und Pfründesicherung und ist nicht dazu geeignet, eine strauchelnde Gesellschaft abzufangen. Reformen tun Not, aber nicht die Art Reformen die der Politk vorschweben.

      • Ich möchte mich für die Tippfehler entschuldigen. Normalerweise korrigiere ich diese. Aufgrund von Taubheitsgefühlen in den Fingern treffe ich eine Menge Tasten nicht mehr richtig.

  4. Es stimmt einfach nicht, dass es in der Zukunft nicht mehr alle braucht. Natürlich kann jeder und jede einen wertvollen Beitrag zum BIP leisten. Wer dies nicht möchte oder nicht will, sollte nicht noch zusätzlich finanziert werden.
    Der Arbeitsmarkt braucht jeden und jede. Zu versprechen, dass der Staat eure Lasten tragen kann, ist utopisch und illusionär.

    • Was illusionär ist das man von Vollbeschäftigung spricht ob wohl klar ist das die Arbeitslosen Zahlen in der Schweiz frisiert sind. Es braucht nur Zeit wir werden sehen der Arbeitsmarkt wird in Zukunft so stark rationalisiert, dass die Gesellschaft sich selber Kannibalisieren wird. Vielleicht nicht diese Abstimmung aber eine in 10, 15 oder 20 Jahren aber das BGE wird kommen.

      • In einem Punkt haben sie Recht für eine gelingende Gesellschaft braucht es jeden warum dann nicht auch ein Einkommen für mit von den man leben kann?

    • Ich sehe lieber Markus Fenner, dass die „Aufzucht“ und unreflektierte Teilhabe im Kapitalismus sie hat Denkmüde gemacht. Kapitalismus in der jetzigen Form ist der Totengräber der Solidargemeinschaft und der Demokratie.
      Die Schere Arm und Reich geht immer weiter auseinander. 40 % des erwirtschafteten BIP kommt nicht der arbeitenden Bevölkerung zu Gute sondern den Menschen, die durch Zins und Zinseszins sowie Schuldgeschäften leben. Das ist die Perversion schlechthin.

  5. Zu Menschentyp 2 fällt mir nur ein: „Wenn Du Dich ärgerst darüber, viel (formal) gelernt, gearbeitet und in Dich investiert hast, dann ist Deine Lebenseinstellung verquer.“ Wenn es ein BG gibt, kann jeder der sich gebildet hat, Berufserfahrung gemacht hat, endlich wirklich davon profitieren. Wir lernen und arbeiten dann nichtmehr für eine „höhere Macht“, sondern für uns und Mitmenschen (z.B. Kunden, Arbeitgeber), die wir uns selbst aussuchen können.
    Wie viel produktiver und effektiver könnte die Arbeitswelt sein?

  6. Meine Erfahrung zeigt, dass es wie 2 Menschen-Typen gibt die, die Sache vollkommen differenziert sehen.
    Der eine ist für ein BG, und der andere lehnt dies noch völlig ab weil sie ganz ehrlich denken, wiso habe ich mir den A…. so aufgerissen und habe all die Kurse,Weiterbildungen gemacht… Oder, ich bin nicht damit einverstanden dass ich mein ganzes leben geaarbeited habe und alles selber erreichen musste, das müssen die anderen auch….
    Glaubt mir, ich kenne Sozialarbeiter,pädagogen, die Tag für Tag mit Klienten zu tun haben, die in der Sozialmühle drin sind und aus der Abhängigkeit mehr nicht raus kommen. Genau diese Sozis die in solchen Bereichen arbeiten, und sehen was dieser künstliche Geld mangel und die Abhängigkeit für einen Schaden bei den betroffenen verursacht.
    Ich sag ja, was nützt einem das Paradies Schweiz, wie es immer so schön genannt wird, wenn man knapp mitem existenzminimum überlebt oder ständig einer Armutsgefährdung ausgesetzt ist, und das ist meiner Meinung ein beachtlicher Teil hier in der Schweiz…..

  7. Es tut so gut , dass es doch noch so kluge und gesunde Menschen gibt und gleichzeitig gab , wie Ulrich Beck , die es nicht nötig haben hochintellektuell zu beschönigen und in der aufgeblasenen Utopie Luftblase mitzumischeln oder blasen.

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