Interview mit Dr. Benediktus Hardorp

In einer Broschüre der Stiftung Marktwirtschaft wurde das bedingungslose Grundeinkommen als «ein unhaltbares Versprechen» betitelt. Dr. Benediktus Hardorp, Wirtschaftsprüfer und Grundeinkommens-Vordenker, nimmt dazu in einem Interview Stellung:

Gespräch mit Dr. Benediktus Hardorp über die Broschüre der Stiftung Marktwirtschaft zum bedingungslosen Grundeinkommen

 

Ausschnitt:

Die Frage, wie ein bedingungsloses Grundeinkommen finanziert werden soll, ist für Sie also nachrangig?

Hardorp: Natürlich. Unsere Leistungsfähigkeit ist entscheidend – und die ist da. Die Finanzierung folgt dem Willen zur Leistung. Unser Einkommen ist letztlich immer Realeinkommen – und besteht in dem, was Andere für uns tun. Geld ist lediglich ein sinnvoller Zwischenwert als Zuteilungsmittel für diese realen Leistungen Anderer. Geld kann man «zaubern», Brot muss gebacken werden!

Das müssen Sie genauer erklären.

Hardorp: Mit Geld wird die Zuteilung von Einkommen oder der Anteil des Einzelnen an der gesellschaftlichen Wertschöpfung ermöglicht und gemessen. Wer kaufen will, muss zahlen können. Die Geldmittel dazu kann er auf sehr unterschiedlicher Weise – auch als bedingungsloses Grundeinkommen – erhalten. Wir leben aber von unserem Realeinkommen. Jede real zustande gekommene Wertschöpfung trägt dazu bei, unsere Versorgung sicherzustellen. Die Wertschöpfung wird gesamtwirtschaftlich am Absatz gemessen. Was nicht am Ende der unternehmerischen Wertschöpfungskette von einem Verbraucher «honoriert» wird, war im wirtschaftlichen Sinne keine Wertschöpfung. Auf eine Beteiligung an ihr, auf einen Beitrag zu ihr und einen Anteil an ihr läuft daher alles wirtschaftliche Geschehen hinaus.

Zurück zur Finanzierungsfrage: Wieso stehen Sie ihr anders gegenüber als die Verfasser der Broschüre?

Hardorp: Sehr einfach. Weil ich anders darüber zu denken gelernt habe. Seit den Tagen des Freiherrn von Stein wissen wir: «Zutrauen veredelt den Menschen». Wer anderen etwas zutraut – beispielsweise mit einem bedingungslosen Grundeinkommen –, nimmt sie mit «ins Boot» und gibt ihnen Entwicklungschancen; er fördert sie. Daraus entsteht letztlich bei den Geförderten Interesse am Gelingen des Ganzen, an Wertschöpfungsbereitschaft und gesellschaftlichem Wohlstand. Mehrzuteilungskosten eines bedingungslosen Grundeinkommens stehen dann zu erwartenden Wertschöpfungs- und Wohlstandsgewinnen gegenüber. Der Saldo kann nicht vorausberechnet – aber vorausgedacht – werden; man darf ihn jedenfalls nicht von vornherein negativ einschätzen – er wird voraussichtlich sogar positiv, das heißt erfreulicher als von manchem vermutet, sein.

Sie sind also kein Befürworter der heutigen bedingten Grundsicherung?

Hardorp: Sie ist eine Behelfslösung für ein durch sie anerkanntes Problem! Die heutige Form der Bedürftigkeitsprüfung ist im Wesentlichen Ausfluss des Herrschaftsanspruches bestimmter Leistungsträger. Sie ist von Misstrauen in die zu Versorgenden getragen – und wird, weil dieses Misstrauen nicht zuletzt die Probleme erst hervorruft, die man zunächst erwartet, dann beklagt, immer misstrauischer.

Wie beurteilen Sie die Chancen für ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Hardorp: Die aktuelle Schweizer Volksabstimmungsinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen zeigt gerade jetzt, dass sich überraschend viele Menschen auf diesen Ansatz einlassen und ihn zu verfolgen lohnend finden. Das wird sich ausbreiten – auch wenn es in der Schweiz vielleicht nicht gleich auf Anhieb glücken wird – aber warten wir ab.

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