«Wir müssen auch das Unmögliche denken»

Portrait über den ehemaligen Bundesratssprecher Oswald Sigg und Mitinitiant der «Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen» in der Aargauer Zeitung:

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Oswald Sigg über das Grundeinkommen: «Wir müssen auch das Unmögliche denken»

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Oswald Sigg – der stille Revolutionär

 

Sigg, der Staatsdiener, war fast sein ganzes Berufsleben lang für die Bundesverwaltung tätig. Für fünf Bundesräte hat er gearbeitet. Zuletzt war er Vizekanzler. Er galt als einer, der im Hintergrund wirkt und seine Ideen anderen zur Verfügung stellt. Als bescheiden, ja angepasst wurde er wahrgenommen.

Jetzt, sieben Jahr nach seiner Pensionierung, bringt Sigg zusammen mit einer Gruppe von Initianten die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens zur Abstimmung.

Ist Sigg ein heimlicher Revolutionär? «Diese Frage beantworte ich gar nicht», sagt Adolf Ogi. Sein Kommentar zu Sigg lautet: «He is simply the best.» Er hat ihn einst als Sprecher ins Militärdepartement geholt, gegen den Willen der SVP. Denen war der SP-Mann, der sich öffentlich für die Armeeabschaffungsinitiative ausgesprochen hatte, mehr als suspekt.

Überrascht ist Ogi nicht gewesen, als er von Siggs Beitritt zum Komitee der Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen hörte. Wer ihn kenne, der wisse, dass Sigg ein starkes Gerechtigkeitsempfinden habe und die Forderung der Initiative aus seinem Herzen komme.

Sigg begründet sein Engagement etwas nüchterner: «Die Politik verwaltet das bestehende. Doch der Schweizer Sozialstaat funktioniert nicht.» Deshalb mochte er sich nicht als Sozialpolitiker für eine Verbesserung des bestehenden Systems einsetzen.

2011 kommt Sigg in Kontakt mit den Initianten des Grundeinkommens und damit mit der Utopie, von der er glaubt, dass sie die Lösung bringt. Er tritt dem Komitee bei.
Auf seinen Rat verzichten seine Mitstreiter im Initiativtext auf alle Detail-Beschreibungen.

Ursprünglich sollte beispielsweise festgelegt werden, wie das Grundeinkommen zu finanzieren sei. Doch Sigg argumentiert, dass es zuerst um die Grundsatzfrage geht: Bin ich bereit, die Existenz meiner Mitmenschen bedingungslos zu gewähren. Deshalb heisst es heute im Initiativtext nur, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden soll, das ein menschenwürdiges Dasein garantiert und die Möglichkeit, am öffentlichen Leben teilzunehmen. Wie das Grundeinkommen ausgestaltet und wann es eingeführt werden würde, das müssten Bundesrat und Parlament ausarbeiten.

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