Wie halten sie es mit dem bedingungslosen Grundeinkommen?

Mike Müller profiliert sich für ein Mehrwertsteuer-Seminar bei Enno Schmidt.
Bild: Paco Carrascsa

 

Das bedingungslose Grundeinkommen ist in vieler Munde. „Wie halten sie es mit dem bedingungslosen Grundeinkommen?“ Diese Frage gehört bald zu jedem guten Interview. Hier 3 aktuelle Beispiele:

 

Interview mit Judith Giovanelli-Blocher in der Basler Zeitung:

Neuerdings haben Sie sich für die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen ausgesprochen.
Das muss ich relativieren. Das bedingungslose Grundeinkommen ist ein ganz altes Anliegen, kann aber nur verwirklicht werden, wenn sich unsere Gesellschaft quasi um 240 Grad dreht. Grundeinkommen ist nicht nur Freiheit, es ist vor allem auch viel mehr Selbstverantwortung. Davon sind wir weit weg.

Wer will noch arbeiten, wenn das Geld sowieso kommt?
Heute könnte man das nicht einführen, das wäre ein absoluter Flop. Das bedingungslose Grundeinkommen braucht 30 Jahre, es wird an der Urne sowieso drei-, viermal abgelehnt. Das ist auch gut so, würde man es mit einem Schnellschuss durchbringen, gäbe es ein Desaster. Ich würde heute Nein stimmen, die Leute sind ja nicht vorbereitet.

Das bedingungslose Grundeinkommen stellt auch Ihre Vergangenheit infrage, weil es dann keine Sozialarbeit mehr braucht.
(Lacht.) Das wäre egal. Wir haben immer gesagt, unser Ziel sei es, uns selber abzuschaffen. Aber ein Blinder wäre auch mit einem bedingungslosen Grundeinkommen auf jemanden angewiesen, der ihm durchs Leben hilft. Es brauchte also immer noch Sozialarbeit, aber weniger.

Einer, der mit dem bedingungslosen Grundeinkommen sicher nichts anfangen kann, ist Ihr Bruder Christoph. Also kommt die unvermeidliche Frage: Wie stehen Sie zu ihm?
Das ist ein wunder Punkt. Meine Geschwister sind für mich sehr wichtig, er besonders, weil er ein ganz reizender und vielversprechender Bub war. Ich habe mich sehr für ihn eingesetzt, was er mir bis heute anrechnet.

 

Interview mit Yves Rossier in der Berner Zeitung:

Was halten Sie von der Initiative für ein «bedingungsloses Grundeinkommen»? Wäre sie nicht eine Alternative zum komplizierten Sozialstaat mit seinen zahlreichen Sozialwerken, die alle nach eigenen Regeln funktionieren?
Sorry, aber diese Initiative ist schlicht unseriös. Sie ist ein Witz – mehr nicht. Schauen Sie: Ich habe fünf Kinder. Nach den Vorstellungen der Initianten würde ich offenbar gegen 10000 Franken im Monat erhalten, ohne einen Finger krummzumachen. Warum sollte ich dann noch arbeiten? Warum sollte überhaupt noch jemand arbeiten? Um hohe Beiträge zu bezahlen, damit der Staat allen anderen ein Grundeinkommen bezahlen kann? Das würde nie funktionieren. Unsere Gesellschaft lebt von der Erwerbsarbeit. Diese Initiative wird keine Chance haben. Sie ist einem Traum der letzten 68er entsprungen – sie kommt mir vor wie Woodstock ohne Talent.

 

Intervie mit Mike Müller in der Tageswoche:

Liegt unser Geknorz vielleicht auch daran, dass der Politik die Musse fehlt, um den Dingen auf den Grund zu gehen? Dass die Politiker und Medien von einem Aufreger zum nächsten hetzen?

Diesen Vorwurf hört man immer wieder, ich halte ihn aber für unfair. Es gibt viele Politiker, die ihre Dossiers wirklich gut kennen und seien diese auch noch so kompliziert. Hinzu kommt, dass das politische System in der Schweiz nicht so überhitzt ist wie vielleicht anderswo. Wir Schweizer sind immer noch ein bisschen träge. Ich finde es übrigens ganz gut, dass wir uns nicht so rasch für irgendwelche neuen Ideen begeistern. «Wer Visionen hat, geht am besten zum Optiker», hat Helmut Schmidt sehr schön gesagt. Darum bin ich auch gegen das bedingungslose Grundeinkommen. Die Umsetzung hätte nämlich ziemlich drastische Folgen. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 20 Prozent wäre unsozial «wie ne More», das würde die positiven Effekte gleich wieder wegfressen. Gleichzeitig finde natürlich auch ich es spannend, dass wir in der Schweiz dank dieser Initiative endlich wieder mal über ganz grundsätzliche Fragen reden: Was bedeutet uns Arbeit? Was Geld? Ist das gut so? Oder könnten wir glücklicher leben?

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