Utopien sind reale Prozesse

Kolume von Oswald Sigg in der Aargauer Zeitung:

«Schon im Schweizer Fernsehen wurde die Idee kurzerhand entweder zur Vision oder zur Spinnerei erklärt – was auf dasselbe hinauskommt. Das stimmt ja auch irgendwie, denn Utopien sind anfänglich meistens Hirngespinste. Es geht aber um eine konkrete Utopie. Ernst Bloch bezeichnete damit den Prozess, um die Zukunft tastend und experimentierend zu gestalten.»

Utopien sind reale Prozesse

 

 

 

Comments

  1. Lieber Herr Sigg

    Als ehemaliger SP-Bundesratssprecher sind Ihnen linke Anliegen ja bekannt. Beachten sie aber bitte, dass der Grossteil Ihrer Genossinnen und Genossen gegen ein BGE sind. Es ist also eine notwendige Vorraussetzung für ein Grundeinkommen, links zu sein, aber keine hinreichende.

    Sie vergleichen das Grundeinkommen mit Versicherungen. Ich habe nichts gegen Versicherungen, also sollte ich auch nichts gegen das Grundeinkommen haben, so Ihre Argumentation. Es liegt beim Grundeinkommen jedoch kein Versicherungsmodell vor, sondern ein Transfer-System, von der arbeitenden zur stillgelegten Bevölkerung. Bei einer Verischerung zahle ich jeden Monat oder jedes Jahr ein, damit ich bei einem Unfall, einer Krankheit oder, Gott behüte, im Todesfall nicht ganz ohne Geld ausgehe. Die Prämien berechnen sich aus dem Risiko und aus dem Betrag, den ich bekomme, sollte das Risiko eintreten. Zudem werden heute zum Teil diffizilste Abklärungen von Versicherungen gemacht, um sicherzustellen, dass kein Missbrauch der Versicherung vorliegt.

    Im Gegensatz dazu das bedingungslose Grundeinkommen: Ich zahle nichts ein, nach Ihrem Modell, wenn ich nicht am Finanzmarkt Transaktionen einleite, denn da fällt Ihre Steuer ja an. Ich zahle auch nichts ein, wenn ich das Modell des Bundesrates zu Grunde lege und 100% Einkommenssteuer auf den ersten 2500 CHF verhänge und nicht arbeite. Das Grundeinkommen ist also an keine Bedingungen der Erwerbsarbeit geknüpft.

    Ich zahle zwar ein, wenn ich eine Konsumsteuer verhänge, jedoch bricht dieses System noch früher in sich zusammen, da alle nur noch konsumieren wollen und nicht mehr arbeiten. Man zahlt also das Grundeinkommen sozusagen aus dem Nichts, und der Abgabesatz muss analog einer nach Aussen verlaufenden Spirale immer erhöht werden, um die Ansprüche der Grundeinkommensbeziehenden sicher zu stellen. Die Schlange beisst sich in den eigenen Schwanz. Es resultiert Hyperinflation und wahrscheinlich grosse Armut.

    Auch die Kontrolle des Staates fällt weg: Man kontrolliert bei Arbeitslosen nicht mehr ob sie wirklich Arbeit suchen, oder dies nur vorgeben um staatliche Zahlungen zu erwirken. Im Gegensatz zu einer Versicherung wird das Grundeinkommen frisch von der Leber hinweg alle bezahlt, egal ob sie Anspruch darauf haben oder nicht. Sie heben die Unterscheidung von Leistungs-Unwilligen und Leistungs-Unfähigen auf, wobei nur die Leistungs-Unwilligen profitieren werden, während die Leistungs-Unfähigen verlieren werden, wenn wir den anspruchsbedingten Sozialstaat zurückfahren.

    Ich finde es ein ganz gefährliches Spiel, dass Sie hier spielen und hoffe, dass Sie sich endlich in den überfälligen wohlverdienten Ruhestand bewegen werden und die Öffentlichkeit nicht mehr mit Ihren Geistesblitzen heimsuchen werden.

    Hochachtungsvoll
    Ein Wähler der Schweiz

    • um ihre unterstellung zu widerlegen, dass links-sein eine notwendige bedingung sei, sich für ein bedingungsloses grundeinkommen einzusetzen, reicht der verweis auf milton friedman (und beliebige weitere liberale vertreter der grundeinkommens idee).

      da davon auszugehen ist, dass ihnen durchaus bekannt ist, dass friedman sich für ein grundeinkommen einsetzt, darf vermutet werden, dass ihr postulat va dazu dient, anti-linke vorurteile zur diskreditierung des grundeinkommens zu nutzen.

      nett ist immerhin, dass sie ihre tief autoritäre (und entsprechend unfreiheitliche und bösartige) denkart ausführlich demonstrieren, da sie sich für eine staatliche gängelung von menschen einsetzen, die in lebenslagen geraten, die sie von staatlichen unterstützungsleistungen abhängig machen.

      die von ihnen umworbene, rein propagandistische unterscheidung von „leistungsfähigen“ und „leistungsunwilligen“, ist nichts als ein (leider klassischer) kniff, staatliche zwangsmassnahmen zu rechtfertigen, indem sie ein feindbild fingieren.

      gefährlich ist nicht oswald sigg, gefährlich ist die svp.

      oswald sigg setzt sich für freiheit ein, sie hingegen für einen staat, der meint, die menschen erziehen zu dürfen.

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