Macht ein Grundeinkommen träge? – Interview mit Prof. Theo Wehner

Theo-Wehner

Aufschlussreiches Interview mit Professor Theo Wehner im Tagblatt:
Ich würde weiterarbeiten

 

Interview:

Herr Wehner, erhielten alle ein bedingungsloses Grundeinkommen, würden sich doch viele zurücklehnen.

Theo Wehner: Hinter dieser Vermutung steht ein Menschenbild, welches viel mit der heutigen Arbeitswelt zu tun haben muss. Es geht davon aus, dass die Menschen nur arbeiten, wenn sie dazu angetrieben werden – wenn sie sonst in ihrer Existenz bedroht sind. Es ist mir ein Rätsel, wie man dieses Stereotyp auf ein neu zu entwerfendes Gesellschaftsmodell übertragen kann.

Sie gehen nicht davon aus, dass ein Grundeinkommen faul macht?

Wehner: Nein, das ist ein Vorurteil. Es stimmt zwar, dass es Sozialhilfebezüger und Langzeitarbeitslose gibt, die keinen Antrieb haben und sich nicht um Arbeit bemühen. Viele sind jedoch erschöpft und hoffnungslos aufgrund ihrer Arbeitserfahrungen in der momentanen Gesellschaft. Wie sich die 1:12-Initiative auswirken würde, kann man abschätzen. Man kann etwa die Steuerausfälle oder die Abwanderung der Topverdiener berechnen. Beim Grundeinkommen fällt eine Prognose hingegen schwer. Man kann über die Wirkungen wenig sagen und sollte vielmehr über die Möglichkeiten nachdenken.

Worin bestehen diese?

Wehner: Die heutige Arbeitswelt ist für viele belastend und führt nicht zur Erfüllung von beruflichen Vorstellungen, oft sogar zu gesundheitlichen Problemen. Würde das Grundeinkommen eingeführt, wäre man stärker damit konfrontiert, was man tun will. Man könnte, ja müsste seinen Neigungen nachgehen. Heute ist die Berufswahl massgeblich von der Frage geprägt, ob man eine sichere Stelle finden und ausreichend Geld für den eigenen Unterhalt oder den einer ganzen Familie verdienen wird.

Das heisst, man wäre in der Berufswahl freier.

Wehner: Freier, aber auch stärker herausgefordert. Man könnte Frustrationen nicht mehr runterschlucken und sagen: Ich muss diesen Job halt machen. Die Eigenverantwortung und das Ergründen des Selbst würden zunehmen.

Gibt man Jugendlichen nicht ein falsches Signal, wenn man ihnen quasi eine Staatsrente in Aussicht stellt?

Wehner: Es ist ja nicht so, dass man von 2500 Franken pro Monat feudal leben könnte. Man nähme den Leuten damit die Existenzangst. Wünsche und Hoffnungen würden jedoch nicht beseitigt. Im Gegenteil: Jugendliche würden ermutigt, das zu tun, was ihnen wirklich liegt. Wer etwa Künstler werden möchte, müsste nicht mehr fürchten, in einem brotlosen Job zu landen.

Letztlich fördert ein Grundeinkommen eine egoistische Sichtweise. Jeder verwirklicht in erster Linie sich selbst.

Wehner: Ob das egoistisch ist, weiss ich nicht; es ist eher individualistisch. In der jetzigen Arbeitswelt ist Egoismus jedenfalls weit verbreitet. Die Konkurrenz ist riesig. Um sich durchzusetzen, braucht man starke Ellbogen. Der Mensch wird nicht als Egoist geboren, es sind die äusseren Bedingungen, die ihn dazu machen.

Wer würde noch zu 100 Prozent erwerbstätig sein?

Wehner: Sehr viele. Ich würde weiterhin an der Hochschule lehren. Doch was sind schon 100 Prozent? Ärzte arbeiten heute 70 oder 80 Stunden pro Woche, was der Qualität ihrer Arbeit nicht unbedingt gut tut. Um das Notwendige produzieren zu können, müssen wir jedenfalls nicht 40 Stunden pro Woche arbeiten. Das belegen die Arbeitslosenquoten in allen Ländern der Welt. In der EU beträgt sie elf Prozent.

Wie würde sich ein Grundeinkommen auf das Befinden von Arbeitslosen auswirken?

Wehner: Sie würden nicht mehr stigmatisiert. In der Schweiz, wo die Arbeitslosigkeit tief ist, plagen sie unweigerlich Selbstzweifel. Im jetzigen System haben sie das Gefühl, versagt zu haben. Diese negativen Emotionen wären weg und neue Antriebskräfte würden wach.

Die Schweiz würde sich international isolieren. Welche Folgen hätte dies?

Wehner: Das Modell könnte andere Gesellschaften beleben oder Konkurrenz auslösen. Die Folgen sind nicht wirklich abschätzbar. Grundsätzlich stösst das heutige System an seine Grenzen. Ein Umdenken muss so oder so stattfinden. In Namibia hat sich ein Grundeinkommen bewährt, um die Armut zu bekämpfen. In Brasilien will man damit Wachstum ermöglichen und in der Schweiz Wohlstand umverteilen. Das sind ganz unterschiedliche Ansätze.

Welche Erfahrungen wurden in Namibia konkret gemacht?

Wehner: Der Zusammenhalt in jedem Bezirk nahm deutlich zu. Viel von dem Geld, das nicht unmittelbar für das Alltägliche gebraucht wurde, ist in die Bildung der Kinder geflossen. Das lag auch daran, dass die Frauen das Einkommen verwaltet haben. Die Auswirkungen waren aber nicht so, dass alle nur noch träge in die Sonne gelegen hätten.

Kritik kommt nicht nur aus der Wirtschaft, sondern auch von den Gewerkschaften. Worauf führen Sie dies zurück?

Wehner: Die Gewerkschaften, die sich als Anwälte der Arbeitnehmer verstehen, müssten ihre Rolle völlig neu definieren. Die Rekrutierung würde sich beispielsweise verändern. Arbeitnehmer müssten sich nicht mehr um eine Stelle bewerben, sie würden von Unternehmen angefragt und könnten von zehn Angeboten neun ablehnen. Die gewerkschaftliche Position in der Tarifauseinandersetzung bräuchte es aber sicher immer noch.

Wäre Ihre berufliche Laufbahn anders verlaufen, wenn Sie ein Grundeinkommen erhalten hätten?

Wehner: Ich bin auf dem zweiten Bildungsweg an die Universität gelangt. Meine Eltern haben mir mitgegeben, dass man sich laufend weiterentwickeln sollte. Hätte ich gar nicht darauf achten müssen, mir meine Existenz zu sichern, hätte ich wohl noch mehr ausprobiert. Und ich wäre vielleicht früher ausgestiegen, um einer jüngeren Kollegin Platz zu machen.

Comments

  1. Die Sichtweise, dass wir „nichts für unsere Existenz können“, kann ich nicht unterstreichen. Schon Sokrates sagte: „ich weiß, dass ich nichts weiß“ und so halte ich es auch. Meine Erfahrung sagt mir, dass ich derjenige Mensch bin, (zumindest seit Auszug bei meinen Eltern) der den größten Einfluss auf mein Leben hat – mit oder ohne Grundeinkommen. Sich auf seinem „Geburtsschicksal“ auszuruhen, gilt nicht. Schon viele haben bewiesen, dass man sich aus allem Ursprung selbst entwickeln kann. Und hierzu ist das Grundeinkommen sicher eine große Chance. Wie Prof. Wehner schon sagte … .

    • Frau Bellenbaum, Sie haben den Text missverstanden.
      Es geht ganz und garnicht darum, die Verantwortung für das eigene Leben abzugeben – im Gegenteil. Es geht darum einem valides Argument, gegen die unhaltbaren Vorwürfe der angeblichen Verantwortungslosigkeit, Ausdruck zu verleihen. Es ist für den Staat sehr einfach den Menschen ihre Rechte vorzuenthalten und zu fordern, sie sollen nun den Handlungsspielraum in Anspruch nehmen, der ihnen noch übrig bleibt, als Gegenleistung dafür, daß sie sich Systemtreu verhalten und den künstlichen Spielregeln folgen. Das hat ganz und garnichts mehr mit freien Entscheidungen zu tun, wie Sie mit Ihrem Zitat von Sokrates zu suggerieren versuchen.

      Zuerst wollen wir den Menschen die Voraussetzung ihr Leben eigenverantwortlich gestalten zu können, z.B. durch ein Grundeinkommen, ermöglichen und dann können wir ihnen erst vorhalten, daß wenn sie ihren Spielraum nicht in Anspruch nehmen (wollen), verantwortungslos zu handeln – aber nicht in einem derart restriktiven System wie heute. Ich lese derart Verallgemeinerungen regelmäßig von Leuten, welche sich auf der Sonnenseite des Lebens befinden und nicht den Schimmer einer Ahnung haben (wollen), warum jemand auch mit aller ihm zur Verfügung stehender Kraft auf keinen grünen Zweig kommt.

    • Ich habe es so gemacht, wie Sie empfehlen! Auch ich habe „bewiesen“ dass man sich auch aus ungünstigen Startverhältnissen entwickeln kann. Mit harter Arbeit habe ich mich aus ungünstigen Verhältnissen doch ein wenig „hochgeschaffen“. Nun habe ich einige gesundheitliche Probleme….. Ich wünsche mir nur, dass andere Menschen nicht mehr so hart arbeiten müssen, wie ich es getan habe….. Teils aus blödem Ehrgeiz, teils aus Notwendigkeit! Ich wünsche den Menschen ein Bedingungsloses Grundeinkommen!

  2. Ein grundlegender Denkfehler liegt meiner Meinung nach darin, dass so getan wird, als wären die Menschen dafür verantwortlich, dass sie existieren. Wir müssen doch unser Leben „verdienen“. Wer nichts leistet, hat doch gar keine Existenzberechtigung. Nun ist es doch so, dass keiner von uns gefragt wurde, ob er auf diese Welt kommen möchte. Unser Leben „verdienen“? Hey, das habe ich doch gar nie verlangt, ich wurde vor vollendete Tatsachen gestellt! Wir, die hier existieren, wir sind nicht die Ursache, wir sind nur das Resultat, von etwas, was zwei andere Menschen verursacht haben. Und trotzdem wird von mir verlangt, dass ich mit Leistung meine Existenz rechtfertige. Mich rechtfertigen, warum? ICH habe meine Existenz nicht verursacht! Und genau das scheint die Gesellschaft so oft zu vergessen. Ich werde laufend zu Leistung gezwungen und zur Kasse gebeten für etwas, wofür ich eigentlich gar nicht verantwortlich bin – weil ich existiere.

    • Eine sehr interessante Sichtweise, werfen Sie da auf.
      Das hat mich inspiriert darüber nachzudenken, wie die Verteilung der Erde moralisch gerechtfertigt werden kann. Wenn es doch Zufall ist, in welcher Familie jeder von uns hineingeboren wurde, wäre es doch in unser aller Interesse, extreme Ungerechtigkeiten garnicht erst zustande kommen zu lassen. Dadurch dürften wir auch das Vererben großer Vermögen nicht gestatten. Ich habe mal irgendwo gelesen, daß etwa über 80% der Superreichen nur durch Erben an ihr Vermögen gekommen sind. Den Besitz von Wohnungen und / oder Häuser würde ich auf ein bis zwei pro Person deckeln – mehr braucht kein Mensch. Daß sich ein Kind im Kindergarten alles verfügbare Spielzeit unter den Nagel reißt und die anderen nicht teilhaben läßt, würde die Kindergartenangestellte ja auch nicht gestatten, aber in der Gesellschaft ist der grenzenlose Egoismus scheinbar normal.

      Um nochmal auf Ihr Beispiel zurückzukommen, jedem Menschen wird spästens ab der Volljährigkeit auch die Verantwortung dafür in die Schuhe geschoben, was aus ihm geworden ist. Niemand berücksichtigt aus welchem Mileu jemand kommt oder welchen Umgang jemand hatte – alles was nur noch zählt ist, wo eine betroffene Person bis heute fertig gebracht hat sich hin zu entwickeln. Potentiale spielen sogar in der Schule kaum eine Rolle, denn es gibt Vorgaben, wieviele durch das Aussortierungssystem durchgelassen werden sollen.

      Es wäre ausgesprochhen spannend zu beobachten, wie sich unsere Gesellschat mit der bedingungslosen Absicherung der Existenzgrundlage (fort)entwickeln würde. Meine Vorstellungen darüber jedenfalls schlagen Purzelbäume.

  3. Ich denke es ist die Angst vor der Veränderung , die verhindert das das Grundeinkommen eingeführt wird. Es würden dadurch auch viele Arbeitsplätze wegfallen, z.B. das Arbeitsamt, Rentenanstalt zum Teil, Sozialamt. Wobei ich persönlich denke das diese Arbeitsplätze viel mit Schikane zu tun haben, es macht doch eigentlich Keinem normalen Menschen Spaß andere Menschen zu schikanieren. Auch die Wirtschaft profitiert davon, da mehr Geld bei den Bürgern ist, welches auch für Anschaffungen ausgegeben werden kann. Auch die Umwelt profitiert davon weil sich die Bürger dann nicht mehr den Billigschrott kaufen müssen, z.B. eine Waschmaschine die wenig Strom und Wasser verbraucht kaufen können, auch bei Nahrungsmittel kann darauf geachtet werden wie es produziert wird (gute Qualität, kein Luxus meine ich). Die Entfaltungsmöglichkeiten für uns Menschen wären grandios, gerade im Bezug auf die Arbeit. Dann können wir wirklich frei einer Arbeit nachgehen von der wir auch überzeugt sind, die Sinnvoll ist und uns Spaß macht.

  4. Startups hätten es wesentlich einfacher! Es müsste viel weniger Kapital beschafft werden, das zum grössten Teil für Löhne ausgegeben wird. Ein BGE würde aus dieser Sicht bestimmt die Innovation fördern.

  5. Wie viele mussten feststellen, sich in jungen Jahren für den „falschen“ Beruf entschieden zu haben? Wer mehr, als nur diese eine Chance hätte, dem dürfte es besser gelingen, berufstätig und zufrieden alt zu werden. Er könnte sich selbstbestimmt und unabhängig weiterbilden, oder umschulen lassen, ohne Erlaubnis, bzw. Ablehnung vom Arbeitsamt.

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