Ist Fleiß noch eine Tugend?

Interview mit Daniel Häni im Rahmen der Veranstaltungsreihe FAQ Bregenzerwald «Potentiale für eine gute Zeit» 2017:

Ist Fleiß noch eine Tugend?

 

«Daniel Häni betreibt in Basel das „unternehmen mitte“, das größte Kaffeehaus der Schweiz, das sich auch als Impulsgeber für den Kultursektor versteht. Dank Hänis Initiative gab es 2016 in der Schweiz die weltweit erste Volksabstimmung über ein bedingungsloses Grundeinkommen. 23,1 Prozent sprachen sich dafür aus. Im Februar 2017 veröffentlichte der 51-Jährige – gemeinsam mit dem Philosophen und Publizisten Philip Kovce – im Ecowin-Verlag das Buch „Was würdest Du arbeiten, wenn für Dein Einkommen gesorgt wäre?“.

Sie setzen sich seit dem Jahr 1990 für das bedingungslose Grundeinkommen ein. Was treibt Sie an?
Ich finde es klug, an die Lebensberechtigung meiner Mitmenschen keine Bedingungen zu stellen. Die Idee dahinter ist nicht neu. Sie taucht bereits am Beginn der Neuzeit, in Thomas Morus’ Werk „Utopia“, auf. Das bedingungslose Grundeinkommen kann keine „Hauruck-Veranstaltung“ sein. Es geht um einen weitreichenden Bewusstseinsschritt. Das eigentlich Interessante an der Sache sind die Widerstände die es dagegen gibt.

Beim FAQ 2017 diskutierten Sie mit Norbert Bischofberger und Laura Karasinski zum Thema Fleiß. Wie ist Ihre Einschätzung: Ist er heutzutage noch eine Tugend?
Nein, Fleiß ist ein Auslaufmodell. Der Mensch ist dort, wo es Fleiß braucht, also bei repetitiven Tätigkeiten, in Zukunft nicht mehr gefragt. Was man berechnen kann, wird automatisiert, das können Maschinen besser als wir. Politiker sagen dann, dass damit Arbeitsplätze vernichtet werden und halten die Parole hoch: „Sozial ist, was Arbeit schafft“.

Stimmt das denn nicht?
Überhaupt nicht, der Satz ist zynisch. In Wirklichkeit ist sozial, was Arbeit ab-schafft. Es ist nicht sozial, Arbeit zu verursachen, sondern sie zu erledigen. Ein Beispiel: Wer den Müll auf die Straße wirft, um Arbeitsplätze zu sichern, der ist nicht sozial. Das können Sie auf die ganze Wirtschaft übertragen. Arbeitsplätze zu sichern ist asozial. Arbeit muss nicht gesichert, sondern erledigt werden. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft arbeiten Sie immer für andere.

Wie meinen Sie das?
Früher, als wir noch als Selbstversorger lebten, war das anders. Damals stand die Befriedigung des eigenen Bedarfs im Mittelpunkt. Damals war Arbeiten egoistisch, heute ist Arbeiten sozial. Interessanterweise gibt es beim Thema Grundeinkommen in allen Parteien sowohl Gegner als auch Befürworter. Das liegt daran, dass die Idee liberalen Verstand und soziales Herz verbindet – eine Kombination von Kapitalismus und Kommunismus. Es geht nicht um links oder rechts, sondern um vorne.

Zurück zum Begriff „Fleiß“. Gibt es aus Ihrer Sicht Dinge, bei denen es sich lohnt, fleißig zu sein? Oder ist das Fleiß-Prinzip generell überholt?
Den Fleiß können Sie echt begraben. Vielmehr brauchen wir Kreativität und Selbstverantwortung. Das sind die neuen Tugenden. Empathie gehört auch dazu. Und ich plädiere für eine Schule des Ungehorsams anstelle einer Schule des Gehorsams. Im Hauptfach werden wir dort nebst Selbstbestimmung und Verantwortung vor allem Wahrnehmung unterrichten. Selbstwahrnehmung und Fremdwahrnehmung. So werden wir lernen zu respektieren, dass andere anders denken und laufen nicht Gefahr, in der eigenen Filterblase zu ersticken.

Was wären weitere zeitgemäße Tugenden?
Das Fragenstellen. Auch ein Hauptfach! Gute Fragen zu stellen ist etwas vom Wichtigsten und zielführender als überzeugen zu wollen. Deshalb gefällt mir das FAQ Bregenzewald sehr gut. Es stellt Fragen.

Sie sagten einmal, dass Donald Trump nie US-Präsident geworden wäre, wenn es in den USA das bedingungslose Grundeinkommen gäbe: Seinem Spiel mit Existenzängsten wäre schon im Vorfeld der Boden entzogen worden. In diesem Herbst stehen große Wahlen in Deutschland und Österreich bevor. Gelten Ihre Einschätzungen auch für die Lage hierzulande?
Das gilt auch für hierzulande. Wir sähen weniger Wutbürger, dafür womöglich mehr Mutbürger. In einer Grundeinkommensgesellschaft wären die Menschen weniger manipulierbar und weniger empfänglich für die Neid-Stimmungsmache. Wenn Sie gelernt haben, Ihre Mitmenschen bedingungslos zu akzeptieren, ergibt sich auch eine andere Haltung zur Migrationsfrage. Ein anderer Punkt ist die Entfremdung des Wahlvolkes von „denen da oben“. Bei der direkten Demokratie gibt es in Österreich noch viel Luft nach oben. Wenn es darum geht, Betroffene zu Beteiligten zu machen, kann man von der kleinen Schweiz vielleicht etwas lernen.

Viele stören sich bei ihren Ideen an dem Konzept der Bedingungslosigkeit. Wieso ist es so schwierig, anderen eine Existenz uneingeschränkt gönnen zu können?

Am besten ist, man ist mit sich selbst großzügig, dann kann man es auch den anderen gegenüber sein. Großzügigkeit wirkt wie ein Zaubermittel. Der Durchbruch ist geschafft, wenn man dem Nachbarn, den man furchtbar blöd findet, das bedingungslose Grundeinkommen gönnt. Dann ist die Idee etabliert. Das Grundeinkommen wird kommen, wenn nicht aus moralischen, dann schon allein aus pragmatischen Gründen. Die Frage ist, ob es kommt, weil es nicht mehr anders geht oder ob wir es aus der Mitte der Gesellschaft einführen werden.»

Text: Thorsten Bayer // Friendship.is
Fotos: Ian Ehm // Friendship.is

Comments

  1. Guten Tag

    Ja, Fleiss ist noch eine Tugend: heute mehr denn je. Diejenigen Köpfe, die den Fleiss verabscheuen und die Faulheit fordern werden in unserer kapitalistischen Gesellschaft noch ihr wahres Wunder erleben. Da haben wir noch nicht die letzen Tapferkeit im Sanktionieren, usw. erreicht.

    Slacker, wie Häni, die noch nie in ihrem Leben einen Streich gearbeitet haben sind sich der Wertigkeit der harten Arbeit nicht bewusst. Sie machen sich über sie lustig und verachten die hart arbeitenden Menschen wie mich. NUR: Heute kann ich die Früchte meiner Arbeit geniessen und muss nichts an Herrn Häni und die seinigen abgeben. Wenn nun Herr Häni seinen Weg bekommt, und ein Grundeinkommen erzwängen kann, dann kann plötzlich der Staat mir völlig legal ein Grossteil meines Arbeitslohnes abjagen, und dem, sich auf der Dachterrasse des Unternehmens Mitte in der Sonne, räkelnden Herr Häni geben. Da mache ich nicht mit! Das heutige System ist gerecht! Ich arbeite hart, und bekommen mein Geld. Wenn die Schmarotzer das Steuer übernehmen, werden 7 Plagen das Land heimsuchen. Das will ich nicht.

    Es ist erstaunlich und dekandent die Verkennung von harter Arbeit durch Häni et al.

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