Grundeinkommen als komfortable Stallfütterung – Entgegnung von Enno Schmidt

WF

 

Manfred Rösch, Redaktor der Zeitung Finanz und Wirtschaft, kommentiert die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen als Irrläufer und stellt sich eine Grundeinkommens-Gesellschaft als kollektiv pensionierte Gesellschaft ohne Zukunft vor.

Kommentar von Manfred Rösch in Finanz und Wirtschaft vom 15.10.2013:
Komfortable Stallfütterung

 

Entgenung vom Mitinitiant Enno Schmidt:

Auch Manfred Rösch, Redaktor der Zeitung Finanz und Wirtschaft, mag sich mit der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens nicht vertraut machen, sondern schwimmt in Vorurteilen und lässt das Neue an sich abperlen.

Von der Begriffsverluderung, die Manfred Rösch der Initiative vorwirft, kann er selbst nun leider nicht freigesprochen werden. Schon im Ansatz seiner Kritik übergeht er, dass die Initiative nicht von einem Grundlohn spricht, der bedingungslos sein soll – was in der Tat ein Unding wäre – sondern von einem Grundeinkommen, das gar nichts mit Belohnung zu tun hat. Also ein Einkommen, das nicht Leistung entlohnt, sich auch nicht gegen Leistung stellt, sondern zum Leben berechtigt. So skurril, wie Herr Rösch es seinen Lesern weis machen will, ist das nicht. Schon immer wurde sehr viel geleistet, was nicht entlohnt wird. Skurril ist eher, das zu ignorieren und so zu tun, als läge das Wohl einzig in der bezahlten Arbeit. Damit löscht man den Wert der Arbeit aus. Es gab nur ein Gesellschaftsmodell, wo das Konzept der Erwerbsarbeit so durchgezogen wurde, wie es Herr Rösch vorschwebt, das war der Sozialismus. Da war Einkommen unbedingt an Erwerbsarbeit gebunden. Da alle ein Einkommen haben müssen, mussten alle einer Erwerbsarbeit nachgehen. Wodurch die Arbeit oft skurrile Formen annahm und vielfach uneffektiv war. Ein lähmendes Konzept.

 

Nur die betonköpfige Ideologie der Erwerbsarbeit macht das bedingungslose Grundeinkommen madig. Dem Anreiz und der Wertschätzung der Arbeit durch Lohn nimmt es nichts. Es nimmt nur die Existenzangst aus der Verhandlungsmasse.

Wieso meint Manfred Rösch, dass eine Gesellschaft freier Menschen leistungsunfähig sei? Die Schweiz ist nicht erfolgreich durch gedungenes Schuften, sondern durch intelligente Produktivität. Der gibt das Grundeinkommen mehr Raum und Beweglichkeit für jeden. Manfred Rösch selbst bemerkt, dass Arbeit für die meisten Sinn, Struktur, Selbstwertgefühl, Soziales bedeutet, das Gefühl, etwas für andere tun zu können und gebraucht zu werden, wobei man sich in seinem Können zeigt und entwickelt. Genau das sagen auch die meisten Unternehmer von ihren Mitarbeitern.

Genau das verstärkt ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dem entspricht es. Warum ist Herr Rösch dann gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen? Der Widerspruch ist wohl eher psychologischer Natur als sachlicher.

 

Schule und Schulpflicht sind für ihn nötig, um junge Menschen auf eine Erwerbsarbeit zu trimmen. Ohne Erwerbszwang funktioniert das nicht. Wenn die gute Note nicht nötig wäre, um später mal Geld zu verdienen, würde niemand zur Schule gehen. So seine Meinung. Ein fehlender Bildungsbegriff. Eine Reduktion des Menschen auf seine ökonomische Nutzbarkeit. Und wem nutzt dann die Ökonomie?

Es wäre schlimm um unsere Schulen bestellt, hätte Herr Rösch Recht. Es wäre aussichtslos, denn was so gelernt wird, macht Menschen nicht fähig für die Herausforderungen der Zukunft. Es vergeudet, was junge Menschen wollen können und mitbringen. Wir können nicht mehr Menschen in Kästchen hinein züchten. Wir müssen mehr Verantwortlichkeit an jeden Einzelnen geben und mehr Gewicht auf eigene Antriebskraft. Dafür dürfen sie nicht schon in der Schule ausradiert werden.

 

Zur Souveränität kommt ein Mensch erst in der Überwindung von Schwierigkeiten, sagt Manfred Rösch. Das ist wohl wahr. Die Sicherung des Grundlebensbedarfes ist aber keine Schwierigkeit mehr. Das war nur früher so. Heute herrscht kein Mangel mehr. Die Schwierigkeit, zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf zu haben, sich einer vorgegebenen Arbeit unterwerfen zu müssen, um überleben zu können, ist ein Gauklerstück aus alten Gewohnheiten. Die Schwierigkeit jetzt besteht darin, hinzuschauen, was heute anders ist. Und was gebraucht wird.

 

Wohlstandsdekadenz sieht Manfred Rösch in der Idee des Grundeinkommens. Verzehr vor Erwerb. Eine pensionierte Gesellschaft. Mit einem solchen Grundeinkommen gäbe es kein Verantwortungsgefühl für das Ganze, keine mündigen, selbständigen Bürger, sondern nur entwürdigte, antriebsarme Schmarotzer. So Herr Rösch.

Wenn die Bürgerinnen und Bürger der Schweiz dann, wenn der Einkommensbetrag bedingungslos würde, den sowieso jeder zum Leben braucht, keinen Grund mehr sähen, etwas für andere zu tun, dann könnte heute nicht von einem Verantwortungsgefühl für das Ganze die Rede sein, nicht von selbständigen Bürgern, sondern nur von Marionetten an den Fäden der Überlebensnot. Das ist aber nicht der Fall. Das ist ein verächtliches Bild von seinen Mitmenschen. Das ist ein sachfernes Bild von der Motivation zur Arbeit. Das reduziert den Lebenssinn auf den Konsum. Das aber macht nicht das Grundeinkommen, sondern Herr Rösch. Und zwar in Bezug auf die anderen. Sicher nicht in Bezug auf sich selbst. Auf die Frage: was würden Sie arbeiten, wenn ein Grundeinkommen bedingungslos wäre, würde vermutlich auch Herr Rösch antworten: das gleiche wie jetzt. Denn sicherlich tut er seine Arbeit nicht nur, um ein Grundeinkommen zu haben. Sondern weil er darin sein Leben lebt. Und weil er auch mehr verdienen will, als nur ein Grundeinkommen. Wie die meisten.

 

Wen warnt Herr Rösch vor dem Grundeinkommen, wenn er doch von denen, die er warnt, so wenig hält? Ist es die Angst, vom Leben in den eigenen Vorstellungen überholt zu werden?

Das bedingungslose Grundeinkommen spricht jedem das zu, was auch Herr Rösch an Sinn und Wert hoch hält, es dann aber doch der Mehrheit nicht zutraut.

Das bedingungslose Grundeinkommen hilft, diese Schwierigkeit zu überwinden.

Comments

  1. Was wäre es für ein Gefühl, Kinder in die Welt zu setzen, die man nicht eigenverantwortlich ernähren muss?

    Ich bin mit 45 zum ersten mal Vater geworden, ausschliesslich weil wir es uns vorher nicht leisten konnten. Ich verspreche Ihnen, vor allem für Väter ist es ein entscheidender psychischer Faktor zur Bindung, das Kind zu ERNÄHREN. Seit Menschengedenken tief in der Natur verankert; nicht nur in unserer Spezies.
    SIE müssen Ihrem Kind höchstpersönlich Sicherheit bieten können, nicht irgendein anonymes Bankkonto, das sich automatisch füllt.

    Ein BGE in einer Höhe, die es unnötig macht, Kinder ernähren, und sich dafür engagieren zu müssen (ja MÜSSEN!), wäre eine gesellschaftliche Katastrophe vor allem für die betroffenen Kinder, aber auch für die Eltern.

    Zudem käme ziemlich sicher ein Babyboom auf uns zu mit unvorhersehbaren Folgen.
    (Auch ohne diesen Boom werden z.B. Kita Plätze unerschwinglich, vor allem, weil sich durch das BGE genau diese Arbeitsplätze erheblich verteuern würden.)

    Schon bald wären 2500 CHF kaum noch etwas wert.

    Das BGE darf auf keinen Fall Anreiz zur Vermehrung bieten, sonst hätten wir bald Maltesische Verhältnisse, wo das Kindergeld zeitweise so hoch war, dass sich eine 20- jährige Alleinerziehende damit durchschlagen konnte. Die Folge sind dort tausende vaterloser Kinder, die Junk-Food bekommen.

  2. Hm, ich hab da mal ne Frage an Herrn Rösch. Wäre das toll, wenn er die mal für sich durchdenken würde! Sagen Sie mal, wie viele Kinder haben Sie in die Welt gesetzt und wie viele Stunden haben sie täglich mit ihnen im Buddelkasten gearbeitet? Ja, ich meine gearbeitet! Kinder sagen pro Stunde viele Frage und möchten Antworten von den (V)Erwachsenen. Wenn sie fragen dürfen, fragen sie auch noch im Alter von 62 Jahren, was Sie an mir sehen können. Wie kommen sie darauf, dass Kinder, die eine liebevolle Begleitung hatten irgendwann zu „Eine_r Generation unter solcher Taschengeldberieselung Aufgewachsener, deren Schulpflicht sich die Allgemeinheit folgerichtig gleich ersparen könnte,“ werden könnten?
    Was würden Sie arbeiten, wenn für Ihr Einkommen gesorgt wäre? Ich werde seit 1989 arbeitslos genannt. Früher hatte ich Urlaub und an den Wochenenden frei; verstehen Sie, was ich damit sagen will?

  3. „Schule und Schulpflicht sind für ihn nötig, um junge Menschen auf eine Erwerbsarbeit zu trimmen. Ohne Erwerbszwang funktioniert das nicht,“ – Schrecklich!
    Irrtum obendrein: Kreatur, Kind, Mensch = von Natur aus neugierig, wissensdurstig etc.; leider wird dies oft unterdrückt, in andere Richtungen gelenkt, abgewürgt, verunstaltet und ins Kontra der Natur gebogen.

    „Schmarotzer“ – Sollte man näher beleuchten, wo in heutiger Zeit tatsächlich Schmarotzer sitzen.

    “ Schon immer wurde sehr viel geleistet, was nicht entlohnt wird“ – Korrekt – nach wie vor!
    Gäbe es gerechte Entlohnung für Leistung – Schaffen – Arbeit, wären genügend Reiche arm und etliche Arme reich.
    BGE bedeutet auch etwas mehr Gerechtigkeit.

  4. Das bedingungslose Grundeinkommen ist nichts weiter als ein Erbrechtsanspruch eines jeden auf einen Anteil an: Land, Ressourcen und am technischen Fortschritt!

  5. Zitat: „Es ist eine gefährliche Tendenz, das Konzept der Erwerbsarbeit, VON DER SICH IN UNSEREN BREITENGRADEN NUN MAL DIE WENIGSTEN DISPENSIEREN KÖNNEN, madig zu machen.“

    -und das sollte eben nicht so sein, dass die meisten Menschen in unseren Breitengraden zu Erwerbsarbeit GEZWUNGEN sind!
    Es gibt viele Gründe, warum ich darauf verzichtet habe, Kinder auf diese Welt zu bringen. Und genau dies ist einer davon.

    • Ein Indianer am Amazonas ist GEZWUNGEN, sich etwas zu Essen aus dem Wald zu holen. Das ist mitunter lebensgefährlich. Man kann keinen von denen jammern hören. Seit Jahrtausenden gehen sich Menschen ernähren. Das gehört eben zum Leben.

      In der Schweiz herrscht Vollbeschäftigung ohne zwangsweise tägliche Lebensgefahr.

      Welches Selbstwertgefühl entsteht, wenn man sich nicht selbst ernährt? Das führt direkt in Psychosen:
      Ich kenne Langzeitarbeitslose, die nach wenigen Jahren keinerlei Eigeninitiative mehr aufbringen und sich RTL am Nachmittag geben. Jeden Tag. Diese Leute degenerieren, weil Sie nicht(s) MÜSSEN.

  6. Hallo Herr Schmidt,ich bin nun 57 Jahre alt und habe kein! Einkommen,weil die Vetternwirtschaft in deutschen Sinfonieorchestern blüht.Ich habe 50 mal ein Probespiel absolviert.Man fand stets bei mir ein Haar in der Suppe.Ich war bestens in Form und habe mir auch sehr gute Kritiken geholt und sehr gute Beurteilungen von Musikhochschul-Fach-Professoren für das Fach Bratsche.Auf dem “tollen Arbeitsamt“ hat man mich niedergemacht und nicht ernst genommen,das Verhängnis nahm seinen Lauf,und endete 2012 in einer Rückenmarksentzündung mit lahmen Beinen.Komme nur mühsam wieder ins Gehen und bräuchte dringend sowas wie ein festes Lebensunterhaltgeld umd beruflich überhaupt wieder starten zu können.-Lesen Sie die info auf meiner facebookseite.und Sie werden zugeben,daß ich nicht! zu unwilligen Arbeitslosen gehöre!

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