Frei von Arbeit?

Frei von Arbeit?
Von Daniel Binswanger in DAS MAGAZIN:

«Es wird gestritten über die Finanzierbarkeit, die Effekte auf die Zuwanderung, den Prozentsatz der Bevölkerung, der sich in die Hängematte legen würde. Im Kern geht es bei den Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen jedoch um eine Wertefrage. Darin liegt die Provokation – oder die Verheissung. Die bürgerliche Welt ruht auf zwei ideellen Pfeilern: dem Freiheitsethos und dem Arbeitsethos. Indem das Grundeinkommen den Menschen gerade dadurch mehr Freiheit verspricht, dass es sie vom Zwang zu arbeiten entbindet, trifft es den bürgerlichen Wertekanon an einem neuralgischen Punkt.»

«Niemand dürfte bestreiten: Wer auf ein Arbeitseinkommen angewiesen ist, ist in seiner Freiheit eingeschränkt. Wie viele Ausbildungen werden nicht gemacht, wie viele Lebenspläne nicht verwirklicht, weil stattdessen Geld verdient werden muss? Wenn der höchste bürgerliche Wert die Freiheit ist, warum soll es dann moralisch so unabdingbar sein, dass der Bürger ökonomischen Zwängen unterworfen bleibt?»

«Es mag sein, dass es für den grösseren Teil der Werktätigen letztlich ein Segen ist, wenn sie einem Erwerb nachgehen müssen. Es gibt aber eine Menge stumpfsinniger Tätigkeiten, die mit Selbstverwirklichung nun wirklich nichts zu tun haben und nur aus wirtschaftlichem Zwang erledigt werden. Haben diese Arbeitnehmer kein Recht auf Selbstbestimmung? Sind sie vom pursuit of happiness ausgeschlossen? Grundwerte sollten doch für alle Mitglieder der Gesellschaft gelten.»

«Die Harmonie von Arbeit und Freiheit, welche das Wertefundament unserer Gesellschaft bildet, dürfte mehr und mehr zu einem Privileg, für viele zur blossen Illusion werden. Deshalb ist es eine so fürchterliche Provokation, wenn plötzlich eine Initiative verkündet: Wir machen jetzt Ernst mit der bürgerlichen Freiheit – Freiheit vom Zwang zur Arbeit.»

Comments

  1. Ich habe die Arena gesehen und bin beeindruckt, trotz spürbaren „neuralgischen Punkten“.
    Die junge Generation der Initianten scheint der Beweis dafür zu sein, welche Energien und Gedanken frei werden können, wenn man nicht um das Existentielle kämpfen muss. Dann haben visionäre Gedanken Platz!
    Um uns (Generation 60+), mit in euer Boot zu bekommen finde ich es wichtig, dass ihr euch, über unsere „neuralgischen“ Punkte im klaren werdet.
    1. ich kann nicht englisch sprechen und schreiben, deshalb bitte deutsch schreiben.
    2. ich spüre unsere Werte von Arbeit und Fleiss missachtet und belächelt. Sie sind aber die Grundlage des aufgebauten. Darauf entwickeln die Initianten ihre visionären Gedanken.
    3. Zynisch finde ich, dass es für Werktätige ein Segen sein soll zu malochen. Die Meisten hatten keinen Raum für Visionen. Kein Geld für Hobbys. Das bedeutet nicht, dass wir nicht davon träumten.
    Ich unterstütze euch gerne, möchte aber euere Wertschätzung für das was war nicht vermissen.

    mit freundlichen Grüssen

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