«Die Schweiz hat bereits einige innovative Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen ins Auge gefasst»

MIT-Professor Erik Beynjolfsson in der NZZ am Sonntag zur Zukunft der Arbeit:
(Interview von Marco Metzler, Bild Gordon Haff)

«Millionen Arbeitsplätze verschwinden»

«Die rasche Automatisierung werde die Arbeitswelt auf den Kopf stellen und berge die Gefahr sozialer Konflikte, sagt MIT-Professor Erik Brynjolfsson im Interview. Die Politik müsse nun Gegenstrategien entwerfen»:

 

Ausschnitt:

Was für Massnahmen braucht es?

Erik Brynjolfsson: Als nach der Erfindung der Dampfmaschine die Landwirtschaft automatisiert wurde und die Industrie entstand, trafen wir als Gesellschaft Entscheidungen, etwa die Einführung von öffentlicher Bildung für die Massen oder die Veränderung der Steuerstruktur. Wir führten auch Anti-Kartell-Gesetze ein, damit Unternehmen nicht zu mächtig werden. Gleichzeitig verhalfen wir diesen zu Wachstum, indem wir Grundlagenforschung förderten und bessere Infrastruktur bauten.

Wir müssen nun dasselbe tun und die Wirtschaft neu erfinden, um die Vorteile der Technologien zu nutzen und in einer Weise zu kanalisieren, die für alle Wohlstand schafft.Wir haben die Wahl.

Erwarten Sie soziale Konflikte wie im 19. Jahrhundert?

Ja, absolut. Ich sehe viel Spannungspotenzial. Eines der traurigen Dinge ist, dass der Medianlohn, bei dem die Hälfte der Arbeitnehmer mehr verdient und die andere Hälfte weniger, niedriger ist als noch vor 20 Jahren, obwohl das Gesamteinkommen höher ist als je zuvor. Der Reichtum geht zu immer weniger Menschen. Eine immer konzentriertere Vermögensverteilung ist ein sehr schlechtes Zeichen. Da ist es verständlich, dass viele Menschen frustriert und wütend sind. Sie suchen nach Sündenböcken, seien es Einwanderer oder Roboter.

Wenn wir nicht handeln, um mehr geteilten Wohlstand zu schaffen, wird der Ärger der Menschen zunehmen.

Einige werden gewalttätig. Ich befürworte das nicht, aber wir sollten das vorhersehen und politische Strategien entwickeln, um den Wohlstand besser zu verteilen.

Woran denken Sie?

Lassen Sie uns zuerst die Bildung neu erfinden.

Wir müssen den Menschen nicht nur Fakten beibringen, denn Maschinen lernen diese sehr gut auswendig, sondern sie lehren, wie sie kreativ sein und ihre sozialen Kompetenzen, Teamarbeit, Führung, Pflege, Überzeugungsarbeit verbessern können. Zweitens müssen wir den Unternehmergeist fördern, indem wir es einfacher machen, neue Firmen zu gründen, die neue Güter, Dienstleistungen und Arbeitsplätze schaffen.

Es gibt zu viel Stagnation, sowohl in Europa als auch in den USA. Das hindert Unternehmer daran, Technologie zu nutzen, um die Wirtschaft neu zu beleben. Drittens müssen wir unsere Steuerpolitik überdenken. Dinge wie eine negative Einkommenssteuer könnten helfen, die Rückschläge für die Verlierer der Automatisierung abzufedern. Mit Steuern auf Umweltverschmutzung und Verkehrsstaus könnten wir einen Teil refinanzieren.

Ist ein Land wie die Schweiz gut darauf vorbereitet?

Es ist eines der weltweit am besten vorbereiteten Länder. Es ist schon sehr wohlhabend, hat eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung und eine gute, starke Demokratie.

Die Schweiz hat bereits einige innovative Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen ins Auge gefasst, das in den nächsten 10 bis 20 Jahren erforderlich sein könnte, um die Folgen der Automatisierung abzufedern. Das Land könnte sich dieses neue Modell leisten, weil es reich und produktiv ist und Technologie effektiv nutzt. Ich sehe die Schweiz als ein mögliches Modell für die Zukunft.

Am Ende des Tages bin ich optimistisch, nicht weil Technologie den Menschen immer hilft, das tut sie nicht, sondern weil wir wissen, wie wir sie nutzen müssen, damit die Menschen davon profitieren. Wenn wir den Beispielen erfolgreicher Nationen folgen, gibt es einen Pfad, auf dem wir Technologie effektiv nutzen können. Ich bin zuversichtlich, dass die Bürger übereinkommen werden, dies zu tun.

Erik Brynjolfsson:

«Der 53-jährige Däne ist Professor für Betriebsökonomie an der MIT Sloan School of Management in Boston und Direktor der MIT-Initiative zur digitalen Wirtschaft. Im Januar 2014 hat er zusammen mit seinem Co-Direktor Andrew McAfee den Bestseller «The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird» veröffentlicht. Brynjolfsson hat in Harvard studiert und erforscht seither die Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Wirtschaft. Sein akademischer Lebenslauf ist mittlerweile auf 60 Seiten angewachsen. Im Januar besucht er das diesjährige WEF in Davos. »

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