DER SPIEGEL: Wohltat für alle

Ausfühlicher Bericht zum bedingungslosen Grundeinkommen im SPIEGEL. Thomas Brauck sprach mit Daniel Häni, Erik Brynjolfsson, Wolfgang Engler, Clemens Fuest und Thomas Straubhaar

«Das bedingungslose Grundeinkommen soll nicht nur dem Einzelnen ein Leben ohne Existenzangst ermöglichen, sondern auch die Folgen der Digitalisierung und Robotisierung mildern. Aber geht das?»

Wohltat für alle PDF 5 Seiten

 

«Daniel Häni hat eine Art, Fragen zu stellen, die mehr als nur direkt ist. Häni fordert heraus. Er zwingt sein Gegenüber von der Theorie in die Praxis. Vom Allgemeinen ins Persönliche. Vom Ökonomischen ins Moralische. „Und Sie?“, fragt er. „Würden Sie Ihren Job aufgeben, wenn es ein bedingungsloses Grundeinkommen gäbe?“ „Nein.“„Und warum, glauben Sie, sollten es andere tun?“ So ist er gleich mittendrin. Beim Kern der Sache. Der Frage aller Fragen. Werden die Menschen aufhören zu arbeiten, wenn sie nicht mehr müssen?

Es sei komisch, sagt Häni. Er sei fast nie jemandem begegnet, der sage, dass er den Bettel hinwerfen würde, wenn der Zwang wegfiele. Aber jeder mache sich Sorgen, dass die anderen dann faul würden. Ob vielleicht etwas mit unserem Menschenbild nicht stimme?

Häni ist der Kopf einer Kampagne, die europaweit für Aufsehen sorgt. Am 5. Juni stimmen die Schweizer darüber ab, ob in ihrem Land ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden soll. Niemand rechnet mit einem Sieg. 15 Prozent Jastimmen, sagt Häni, wären schon ein Erfolg. Ihm geht es darum, die Idee in die politische Realität zu holen. Dass man über sie reden, sich eine Meinung bilden und über sie abstimmen muss. Dass ein Anfang gemacht wird. In Umfragen liegt die Initiative bei über 20 Prozent.

Man kann sich kaum eine bessere Besetzung für diese Aufgabe vorstellen als Häni: angemessen besessen von der Idee, um andere mitzureißen. Und zugleich Realist genug, um zu wissen, dass er sich noch Jahre wird abmühen müssen, bis die Utopie jemals Realität werden kann. Dann bohrt er weiter: „Die eigentliche Frage ist nicht, ob die anderen aufhören zu arbeiten. Die eigentliche Frage ist, ob Sie es ertragen, wenn ein anderer bekommt, was er zum Leben braucht, ohne dafür Ihre Vorstellung von einem produktiven Mitglied der Gesellschaft zu erfüllen.“ Er meint das nicht persönlich, im Gegenteil. Es ist ein freundliches, auch heiteres Gespräch. Aber erstens ist Häni ein leidenschaftlicher Mensch, und zweitens leitet er eine Kampagne und hat dabei die Erfahrung gemacht, dass er am besten durchdringt, wenn er nicht theoretisiert, sondern persönlich wird. Wie, fragt er jeden, der sich darauf einlässt, würde sich dein Leben verändern, wenn du niemals mehr Angst haben müsstest, materiell ins Aus zu geraten?

Häni sitzt vor seinem Café „Unternehmen Mitte“ in Basel. Es ist das größte der Schweiz und nicht einfach nur ein Kaffeehaus wie andere. Es ist, wie alles, was Häni anfängt, ein halb politisches, halb ökonomisches Projekt. Es gibt keinen Verzehrzwang. Nicht etwa, weil Häni alle Mühseligen und Beladenen der Stadt bei sich haben will. Die Preise sind bei ihm so hoch wie überall in der Stadt. Er glaubt nur, dass die Leute genervt sind, immer und überall etwas bezahlen zu sollen. „Die Menschen sind es leid, immer etwas müssen zu müssen“, sagt er. „Es gibt einen Bedarf, nicht zu müssen. Den bedienen wir.“ Und, glaubt man Häni, ist das Ganze sogar ein gutes Geschäft. Die Leute nutzten die Freiheit, nichts konsumieren zu müssen, nicht aus. Sie belohnten ihn eher dafür.

Und nun also: nicht mehr arbeiten müssen. Jeder Bürger soll frei sein, einen Job ablehnen zu können, ohne existenziell gefährdet zu sein. Arbeitszwang sei einer Demokratie und einer liberalen Gesellschaft unwürdig, sagt Häni. „Was ist denn das für eine Gesellschaft, in der wir Hunderttausende wie Faultiere behandeln und dazu zwingen, eine Arbeit zu verrichten,
die wir selbst niemals annehmen würden?“

Hänis Grundeinkommen bedeutet nichtautomatisch mehr Geld für alle. Zwar bekäme jeder Bürger die angepeilten 2500 Franken im Monat. Doch wer jetzt schon so viel verdient, hätte im Endeffekt kein zusätzliches Geld zur Verfügung, weil er mehr Steuern zahlen müsste. „Für die meisten ändert sich von der Geldmenge her nichts. Aber im Kopf ändert sich Entscheidendes. Es gibt keinen Grund mehr für Existenzangst, und die Ausrede, nicht tun zu können, was man eigentlich wolle, fällt weg.“ Das ist die sozialpolitische, humanistische Seite der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens, wenn man so will auch die ethische.

Soziologe Engler traut der Freiheit, die das bedingungslose Grundeinkommen allen Bürgern gewährt, nicht ganz über den Weg. Er ist Kulturschaffender, Kulturmensch. Ihm ist die Vision, dass Millionen sozial abgesichert sind und ihr Leben dann vor dem Nachmittagsprogramm der Privatsender verplempern, ein Graus. Vielleicht, hat er deshalb überlegt, wäre es gut, das Grundeinkommen an den Nachweis zu binden, etwas für die eigene Bildung getan zu haben. Wie genau das funktionieren soll, da ist er unschlüssig. Aber er gibt zu, dass die Freiheit, sein Leben auch zu vergeuden, für ihn die Schwachstelle der Idee des völlig bedingungsfreien Grundeinkommens ist.

Daniel Häni sieht das viel unbefangener. Natürlich sei ein solcher Systemwechsel auch psychologisch nicht von heute auf morgen möglich. Der Mensch müsse sich daran gewöhnen, frei zu sein. Daran, dass ihm seine Chefs, das Unternehmen, die Wirtschaft nicht mehr die Aufgabe abnähmen, darüber zu entscheiden, was ein jeder zu tun habe. Dem bedingungslosen Grundeinkommen aus noch so guten Motiven doch eine Bedingung aufzudrücken würde aus ihm einen Witz ohne Pointe machen. Das Bestechende an der Idee sei ihre Radikalität. Ihr Glaube an den Einzelnen. Dann ruft er fast durch sein Café: „Hört doch einfach mal auf, die Menschen erziehen zu wollen.“»

Comments

  1. Wie sagt man? Mit vollen Hosen ist gut stinken. Aber dennoch: Die Schweizer waren mutig und haben als erste Nation das Volk über eine bedinungslose Grundsicherung abstimmen lassen. Die Einführung wurde heute abgelehnt, 22% der Schweizer stimmten jedoch dafür. Das Ergebnis war vorherzusehen und wird hier in der NZZ analysiert. Die Initiatoren können sich den Anstoss einer breiten Diskussion dieses zukunftsweisenden Themas auf die Fahnen heften.

    Die Zeit kommentiert die Schweizer Volksabstimmung zur Grundsicherung und verknüpft die pro und kontra Standpunkte mit einer gelungenen Animation zum Thema. Ideal um sich zum Grundeinkommen eine ersten Überblick zu verschaffen. Weiterführende Informationen zur Initiative Grundeinkommen sind für die Schweiz, Österreich und Deutschland auf den jeweiligen Länderwebsiten zu finden. Der Schweizer Webauftritt ist besonders informativ, weil er verschiedenste Meinungen in Kurzvideos festhält und ausführlichere Texte von Autoren unterschiedlichster Lebenswege anbietet.

    Was ich in der Diskussion auch nach längerem Suchen vermisse, sind Überlegungen zu den Begleitmassnahmen. Die Einführung einer bedingungslosen Grundsicherung ohne Begleitmassnahmen stammt ähnlich wie Merkels bedingungsloses Öffnen der Grenzen und Willkommenheissen von krisengeschüttelten Flüchtlingen dem naiven Idealismus einer westlichen Gutmenschkultur. Die europäische Migrationspolitik des Jahres 2015 hat ohne Begleitmassnahmen zu einem weiteren Erstarken der extremen Rechten geführt – mögliche Begleitmassnahmen habe ich Ende 2015 beschrieben. Eine bedingungslose Grundsicherung führt ohne Begleitmassnahmen zu ebenso unerwünschten Konsequenzen. Warum? Weil nicht jeder Mensch mit seiner Freiheit umgehen kann.

    Um keine Zweifel aufkommen zu lassen: Ich befürworte die Grundsicherung ebenso wie Solidarität gegenüber Flüchtlingen. Die Menschheit steht in den kommenden zwei Dekaden vor einer enormen Umwälzung des Arbeitsmarktes und muss sich für ein neues Modell der Arbeits- und Einkommensverteilung entscheiden. Einige Autoren haben in den letzten Jahren zu diesem Thema mit interessanten Gedanken gemeldet. Der Amerikanische Ökonom Tyler Cowen beschreibt in seinem 2013 Buch Average is Over: Powering America Beyond the Age of the Great Stagnation, die drastische Veränderung der Volkswirtschaften, welche nur mit einem neuen Gesellschaftsvertrag beantwortet werden kann. Der Unternehmer Martin Ford beschreibt in Rise of the Robots – Technology and the Threat of a Jobless Future, dass das Ende der Arbeit wie wir sie kennen vor der Tür steht, und ein Grundeinkommen notwendig ist, um Konsum als wesentliche Säule eines Wirtschaftssystmes nicht zu schwächen.

    Die Grundsicherung ist eine Notwendigkeit, die sich in den kommenden Jahren im mainstream verankern wird. Ich bin aber auch der Überzeugung, dass diese nicht bedingungslos sein darf; die Grundsicherung wird ansonsten zu einem Sozialkonzept marxistischer Natur, und wir wissen aus empirischer Erfahrung, dass der Marxismus ökonomisch am Wesen des Menschen gescheitert ist. Dieses Experimentes bedarf es kein zweites Mal.

    Mein unausgereifter Ansatz von notwendigen Begleitmassnahmen geht in Richtung von Zulagen für abgeschlossene Ausbildungen und soziales Engagement. Man könnte hier dem Beispiel des tertiären Bildungssektors folgen, welcher europaweit das European Credit Transfer System, kurz ECTS, anwendet. Ziel eines derartigen Punktesystems ist das Individuum in seiner grenzenlosen Freiheit zur Bildung und zum sozialen Engagement zu motivieren.

    Notwendigkeit dazu besteht. Die westliche Psyochologie und Psychiatrie beklagt ein stabiles Ansteigen von pathologischen Störungen und namhafte Vertreter dieser Fachrichtungen wie etwa Martin Seligman machen dafür das gesteigerte Ich zu Kosten eines geschwundenen Wir verantwortlich. Ebenso diskutieren weltweit Pädagogen, warum westliche Industriegesellschaften mit hohen Lebensstandards in standardisierten Bildungstests schlechter als die östlichen abschneiden. Selbst wenn man so wie ich PISA Tests kritisch gegenübersteht, so muss man doch mit Missmut konstatieren, dass das allgemeine Bildungsniveau nicht eben am ansteigen ist. Ja, wir konsumieren mehr und mehr Information, am besten passiv und happengerecht, aber wieviel Wissen oder noch besser, wieviel Weisheit bleibt dabei in unseren Ganglien hängen?

    Wissenschaftlich fundierte Begleitkurse zur Persönlichkeitsentwicklung könnten helfen. Unternehmen wie SAP geben für Kurse wie Search Inside Yourself jährlich Unsummen für die Entwicklung ihrer Mitarbeiter aus, um als Organisation innovativer und kompetitiver zu werden, und zufriedene Mitarbeiter bei ihrer Selbstverwirklichung zu unterstützen. Der Staat sollte die Empfänger einer Grundsicherung zur Absolvierung derartiger Kurse verpflichten. Schliesslich muss es auch im Interesse des Staates sein kompetitiver zu werden und seine Bürger bei der Selbstverwirklichung zu unterstützen.

  2. Probieren wir’s doch aus, und reden nachher darüber….!!! Niemand weiss im voraus ob es eine geniale Idee oder nonsens ist
    Gruss von Rapha

  3. Das ganze ist unüberlegt , man hat nicht mal Geld für Menschen die über 65 sind AHV , und das leben lang ein bezahlt haben. Und jetzt will man den schon 20 jährigen eine ( Rente ) bezahlen. Einem Arbeitgeber kann es egal sein ob er den halbe Lohn dem Staat gibt ,und der dann das Geld wider zurück vergütet, aber da hat noch kein Arbeitsloser oder die Hausfrau oder Student eine (Rente ), ( Grundeinkommen )da müsste der Arbeitgeber ja unter dem Strich mindestens zwei Löhne dem Staat abliefern ,dass die die keine Arbeit haben das Grundeinkommen bezahlt werden könnte.

  4. Hey Leute schon mal was von der Maslov Pyramide gehört? Ist doch klar ! Wenn ich keine Angst mehr habe mich nicht ernähren zu können und noch ein Dach über dem Kopf habe, kann ich doch ohne Sorgen kreativ sein und eine App oder mein Unternehmen starten? Arbeitsplätze die Menschenwürdig sind kreieren usw? Und wer nichts wagt gewinnt nichts. Also los stimmt ab es ist eine geniale Idee

  5. Unfassbarer wirtschaftlicher Unsinn diese Grundeinkommen. Faulheit belohnen, das Anreizsystem der Gesellschaft untergraben und motivierte Vielarbeiter die viel verdienen weil sie auch viel arbeiten in der Motivation und Entlohnung beschneiden.
    Unfassbarer Nonsense.

    Paul, 27 Jahre

  6. Was wäre wenn jede/r zu jeder Zeit noch die Ausbildung machen könnte(ohne gut verdienende Eltern oder Partner zu haben),die er/sie sich wünscht ohne dies von den Kosten und Lebenserhaltungskosten abhängig machen zu müssen?

    Neue Lebensqualität!

  7. Was wäre wenn jede/r noch die Ausbildung machen könnte(ohne gut verdienende Eltern oder Partner zu haben),die er wollte und nicht von den Lebenserhaltungskosten davon abgehalten würde?

    Neue Lebensqualität!

  8. Liebe Heidi,
    Was wäre, wenn mich meine Arbeit mindestens genauso „vergnügt“ und ich zusätzlich dabei auch noch Geld verdiene, woran sich andere mitfreuen können?
    Liebe Grüße, Gabi

  9. Die Provokation gelingt euch!
    Mit dem Foto, wo ihr euch auf dem Geld das andere massgeblich mitverdient haben vergnügt.

    Was muss ich tun um das in Gefühle der Sympathie umzuwandeln?

    Gruss von Heidi 60+

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