Das Grundeinkommen am Goetheanum

Goetheanum

Am letzten Samstag kamen rund 300 Besucher zur Konferenz über das bedingungslose Grundeinkommen ans Goetheanum in Dornach. Ein neuer 30minütiger Film von Enno Schmidt, «Stimmen zum Grundeinkommen», feierte auf der grossen Leinwand im Grundsteinsaal Premiere. Wir haben den Filmemacher zu der Tagung befragt.

Die Paneldiskussionen war stark besetzt: Was kannst du uns davon berichten?

Auf dem Podium lieferten sich der Soziologieprofessor Ueli Mäder und der Unternehmer und Alt-Staatssekretär für Wirtschaft, David Syz, eine engagierte Debatte über Sozialleistungen, und wer sie erwirtschaftet. Judith Giovanelli-Blocher fuhr mit ihren Beiträgen aus dem Leben unabhängig und originell treffend dazwischen. «Gedanken ohne Geländer» nannte sie es.
Ina Praetorius stellte noch einmal klar, dass mehr als 50 Prozent aller geleisteten Arbeit unbezahlt sei und vorwiegend von Frauen geleistet werde, und dass dies in der Debatte um ein bedingungsloses Grundeinkommen zu kurz komme. (Siehe dazu auch den Entscheid der UBI zur «Arena»-Sendung). Es würde immer über bezahlte Arbeit gesprochen, und ob die noch genügend Menschen tun würden mit einem Grundeinkommen. Dabei gehe dieser Blick an der Wirklichkeit vorbei. Längst und schon immer werde Arbeit vor allem aus Einsicht in die Notwendigkeit getan. Die bezahlte Arbeit sei nur ein vorwiegend männlicher Ausschnitt von aller Arbeit.
Auf einem zweiten Podium erzählten Mitwirkende der Generation Grundeinkommen von ihren Erlebnissen beim Sammeln von Unterschriften für die Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen.

Wie war die Abschluss-Rede des Unternehmers Götz W. Werner aus Deutschland?

Er sprach vor der vorwiegend anthroposophischen Zuhörerschaft humorvoll auch deren Blockaden gegenüber der Idee des Grundeinkommens an, wobei doch gerade sie darin zentrale Inhalte der Anthroposophie erkennen könnten.

Das Thema Grundeinkommen polarisiert oft. Was könnten die Gründe sein?

Ob bei Anthroposophen, Sozialisten, Liberalen, Gewerkschaften – überall, wo starke Ausprägungen einer Ideologie oder Herzensangelegenheit schon lange stehen, wo das vehemente Gefühlt des Richtigen und Gerechten auch in die Selbstgerechtigkeit eingewachsen ist und sich erhalten will, fällt es besonders schwer, im Grundeinkommen zwar Quellen der eigenen Überzeugungen zu sehen, die einem da aber wegschwimmen hinein in die Gesellschaft, wo man sie nicht mehr als eigenen Besitz umgrenzt von eigener Bestimmungsgewalt in der Hand hat. Das Phänomen tritt häufig auf, dass eine neue Idee in die Welt tritt, die alle festgefahrenen Ideale neu in den Fluss bringen kann, mit neuem Geist anders ins Spiel bringen und mehr als vordem einlösen kann, dies allen in die Hand gibt, und dass aber die gegenteilige Tendenz da ist, das Neue wenn dann nur für sich haben zu wollen, neuen Wein in alte Schläuche, die frische Kraft nur zur Nahrung für das eigene Alte haben zu wollen, das in sich reinziehen zu wollen, was aber stark ist nur, weil es frei in die Welt geht. Und weil es nicht Partei ist. Weil es nicht alte Kriege anfacht. Weil es nicht mit Gewalt gegen vermeintliche Gewalt vorgeht und nicht verbrannte Erde schafft. Das Selbstgefühl aber ist stark, wenn man sich mit einer Sache verwechselt hat.



Eine Gedankenskizze von Madeleine Ronner, die an der Goetheanum-Tagung teilgenommen hat und sich für die Volksinitiative einsetzt:Wo will ich mich in der Welt verlieben?

«Die Liebe ist das Mittel, wodurch aus sinnleerer Arbeit lebendiges Weltergreifen wird. Nur in der Hingabe für den Menschen – für die Welt – kann ich durch die Arbeit Werte schöpfen. In unserer arbeitsteiligen Gesellschaft entsteht Mehrwert also erst, wenn Arbeit über die einfache Selbstversorgung hinausgeht, sie für den Anderen geleistet wird. Arbeit wird sinnvoll, wenn ich mich in die Welt und meine Tätigkeit verlieben kann und damit mein Handeln durch das Gefühl individualisiert wird.

Wenn ich mich demnach frage, wo will ich mich in der Welt verlieben, so frage ich gleichzeitig, wo braucht die Welt mich als tätigen Menschen?

Heute leben wir in der Gefahr, die Kraft nicht zu finden, die uns aus der Ohnmacht auferstehen lässt. Aus dieser Ohnmacht, die entsteht, wenn wir für eine gesichtslose Masse produzieren und aus einem Niemandsland konsumieren. Was hat die Welt dann noch mit mir zu tun? Wo ist die Sinnhaftigkeit in meiner Tätigkeit und damit im eigenen Da-Sein?

Die Initiativkraft, die Liebe für die Welt, die in jedem Menschen steckt, gilt es einerseits zu bewahren und zu schützen, aber auch zu fördern und zu fordern. Das bedingungslose Grundeinkommen ist für mich heute ein erster Schritt, jeder und jedem diese Freiheit – aber auch Verantwortung – zuzugestehen aus Liebe tätig zu sein.»



Bis heute sind 76’904 Unterschriften zusammengekommen. Mit dem Frühling mehren sich die Sammeldaten. Zum Beispiel sammelt die Ostschweiz in nächster Zeit oft und an unterschiedlichen Orten. Wer Lust hat, schliesse sich an und vernetze sich über die Sammler-Facebookgruppe.
Herzliche Grüsse für das Initiativkomitee
Daniel Straub und Christian Müller

Comments

  1. wenn nicht auch der geldbegriff mit dem grundeinkommen neu gedacht wird, könnte die diskusion wirklich an z.b. sfr. 2500.- sich anKLEBEN.
    das wäre schade um das gespräch, welches eigentlich aufgenommen werden will.
    vielleicht beginnt Ihr damit STERNTALER zu schöpfen.
    der neue französische euro würde sich als geprägte münze gut dazu eignen.
    der sterntaler, wäre z.b für ein euro zu erstehen, hätte aber „nur“ den wert von einem franken. der „verlust“ würde in die schaffung neuer sterntaler (sprich: freies geistesleben) investiert.
    die „mitte“ könnte als EIN durchlauferhitzer fungieren, indem dort nur noch mit sterntaler gehandelt werden darf.

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