Arbeits- und Freizeit nicht trennen

Interview im Migros-Magazin:

Nächstes Jahr stimmt die Schweiz über ein bedingungsloses Grundeinkommen ab. Sind wir darauf angewiesen, weil uns Roboter bald die Arbeit wegnehmen? Oder weil wir endlich die Künstlerin oder den Wissenschaftler in uns entdecken wollen? Oder weil wir ganz einfach faul sind? In ihrem Buch «Was fehlt, wenn alles da ist?» geben Daniel Häni und Philip Kovce auf diese Fragen überraschende Antworten

Text: Philipp Löpfe, Yvette Hettinger
Bilder: Kostas Maros

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Ausschnitte aus dem Gespräch:

Geld sei gar nicht das Problem, schreiben Sie, sondern die Bedingungslosigkeit. Was meinen Sie damit?

Häni: Bedingungslosigkeit bedeutet Machtumverteilung. Wer gegen das bedingungslose Grundeinkommen ist, der ist dagegen, dass andere selbstbestimmter leben können. Nur ist dieses Argument nicht so populär. Stattdessen wird lieber behauptet, das Grundeinkommen sei nicht finanzierbar …

Kovce: … oder die Gegner kommen mit der Verschwörungstheorie, dass der Mensch ja ohnehin von Natur aus faul sei und sich mit einem bedingungslosen Grundeinkommen bloss in die Hängematte legen würde. Dabei werden Menschen nur faul, wenn sie dauerhaft fremdbestimmt Aufgaben zu erledigen haben, die ihnen eigentlich zuwider sind.

Dank Waschmaschine, Reiskocher und Staubsaugroboter ist auch die Hausarbeit effizienter geworden. Warum nutzen wir diese frei gewordene Zeit nicht heute schon?

Häni: Wir sollten nicht die Freizeit besser nutzen, sondern die Trennung von Arbeits- und Freizeit ganz aufgeben. Was wir freiwillig wollen, sollten wir während der Arbeit tun. Nur so werden wir die Aufgaben der Zukunft lösen können.

Kovce:
Work-Life-Balance ist ein Schlagwort, das auf dem geistigen Niveau des Mittelalters erfunden wurde. Es tönt so modern, ist jedoch in den Begriffen einer Sklavengesellschaft gedacht. Nur Sklaven oder ausgebeutete Landarbeiter mussten sich überlegen, was sie in den wenigen Stunden Freizeit, die sie hatten, eigentlich machen wollten. Das Grundeinkommen hingegen führt dazu, dass es nie mehr Freizeit gibt, weil alle Zeit frei gestaltet werden kann.

Wann, glauben Sie, werden wir ein Grundeinkommen haben?

Kovce: Das Grundeinkommen wird nicht mit einer Revolution, sondern pragmatisch und in kleinen Schritten kommen. Irgendwann werden wir einsehen, dass es anders gar nicht mehr geht. Sei es, weil die Wirtschaft ohne Kaufkraft kollabiert. Sei es, weil die Kreativität ohne Existenzsicherung stockt. Oder aufgrund irgendeines anderen Phänomens. Wann dies der Fall sein wird, lässt sich ebenso wenig vorhersagen wie der Zeitpunkt des Berliner Mauerfalls 1989.

Häni: Ich hoffe, es kommt spätestens mit der Pubertät meiner Enkelkinder.

 

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