Arbeit ist keine Beschäftigungs-Therapie

Interview mit Philip Kovce bei n-tv:

«Die Schweiz stimmt 2016 als erstes Land über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ab. Daniel Häni und Philip Kovce, Autoren des jüngst erschienenen Buches „Was fehlt, wenn alles da ist?“, stehen mit hinter der Initiative. Im Interview räumt Kovce mit gängigen Vorurteilen auf und erklärt, warum deutsche Politiker erst darüber sprechen werden, wenn es für die Wähler relevant ist.»

Macht ein Grundeinkommen faul?
«Arbeit ist keine Beschäftigungstherapie»

 

Ausschnitt:

Ein Zitat Ihres Buches lautet: „Sozial ist nicht, wer Arbeit schafft, sozial ist, wer sie abschafft“. Das müssen Sie uns erklären.

Ich finde diesen Satz gar nicht erklärungsbedürftig. Was bitte soll denn daran sozial sein, Arbeit zu schaffen? Es geht doch nicht darum, dass andere beschäftigt, sondern darum, dass sie frei sind. Das ist sozial! Arbeit muss nicht geschaffen, sie muss geschafft werden. Arbeit ist keine Beschäftigungstherapie.

Was machen wir ohne Arbeit?

Nicht die Arbeit an sich geht uns aus, sondern die Erwerbsarbeit. Es braucht immer weniger Menschen, um alle zu versorgen. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Doch damit ist längst nicht alles getan: Es gibt so viel Arbeit, wie es Menschen gibt. Und jeder Mensch benötigt heute ein Einkommen, um tätig werden zu können. Das Grundeinkommen sichert nicht Erwerbsarbeit, sondern ermöglicht Tätigkeit.

Sie sagen auch, das bedingungslose Grundeinkommen sei die Voraussetzung für eine zukünftige Leistungsgesellschaft. Was meinen Sie damit?

Ich bin am leistungsfähigsten, wenn ich begeistert bin. Wer ohne Begeisterung bei der Sache ist, arbeitet ineffizient. Das Grundeinkommen führt dazu, dass ich den Bedarf anderer besser wahrnehmen und meiner Begeisterung besser folgen kann. Wer sinnlos beschäftigt ist, kann mit einem Grundeinkommen endlich aufhören, Leistung zu simulieren. Und wer selbstbestimmt tätig ist, kann Leistung garantieren.

 

helmut

 

Comments

  1. Tut mir leid: es IST sozial Arbeitsplätze zu schaffen, alles andere ist zynisch. Wovon wollen denn die Leute leben, wenn sie keiner Arbeit nachgehen. Denen einfach zu sagen: „Wir schenken euch mehr als das RAV rausgibt, einfach so, ohne dass ihr Bewerbungen schreiben müsst“ ist zynisch, denn dann werden sich auch andere, die im Moment noch beschäftigt sind, überlegen mit der Arbeit aufzuhören. Dass keine Stellen vorhanden sind, stimmt einfach nicht: Warum gibt es denn dann in der Schweiz „Fachkräftemangel“ wobei wir über die Immigration Arbeitskräfte „importieren“ müssen? Wenn es keine Stellen mehr geben würde und die Wirtschaft einfach so, vor sich hinlaufen würde, dann brauchte es keinen Import.
    Sehen Sie, die Roboter werden tiefqualifizierte Stellen verdrängen, aber die Arbeiter werden sich umschulen lassen müssen und nun Verwaltungsarbeiten ausführen müssen. Es gibt kein „Sich-Ausruhen“ auf bereits Geleistetem. Zudem gehören die Roboter nicht allen und sind nicht Staatseigentum, sondern sie gehören einzelnen Unternehmerinnen und Unternehmern, welche die Arbeit dieser Roboter besitzen. Die Unternehmer werden nicht von sich aus eine 1000% Maschinensteuer zahlen, so dass die Profite, die von den Robotern erwirtschaftet werden hoffentlich den Entwicklern und Besitzern zu Gute kommt, nämlich denen, die sich angestrengt haben und nicht denen, die sich hingelegt haben und propagiert haben: „Kollevtiviert die Roboter der Privatwirtschaft, damit sie für uns alle arbeiten, auch für diejenigen, uns, die sich gar nicht anstrengen wollen.“
    Fleiss, Termintreue, Vertrauen, Exaktheit: das sind Schweizer Tugenden (siehe Publikationen von Rudolf Strahm) die auch in der Zukunft wichtig sein werden, in einer globalisierten Welt, wo man sich nicht einfach in die Pension verziehen kann und nicht sagen: „Wir machen einfach nicht mehr mit. Gebt uns Geld!“

    • symptomatisch ist, wie sie systematisch die bestehenden machtverhältnisse ausblenden, wozu auch die lustigkeit passt, dass sie das alte märchen von der anstrengung, die das besitzen sein soll, reproduzieren und das erfreulicherweise sogar in bösmöglichster formulierung – wenn sie schreiben „die Profite, die von den Robotern erwirtschaftet werden hoffentlich den Entwicklern und Besitzern zu Gute kommt, nämlich denen, die sich angestrengt haben“, blenden sie die wirkliche – und nicht annähernd adäquat entlöhnte – anstrengung, nämlich das zusammenstecken der roboter, aus.

      davon, dass ihre argumentation auch hier nur funktioniert, indem sie faulheit unterstellen und also wieder v.a. beschäftigt sind, fleissig vorurteile zu schüren.

      • [davon, dass…], mag ich gar nicht erst anfangen – wer tüchtigkeit lobt, versucht nur, die eigenen vorurteile zu verstecken…

        frei wird die welt, wenn denn einmal genug menschen fordern:
        „Wir machen einfach nicht mehr mit. Gebt uns Geld!“

    • Wer sagt denn, „wir machen nicht mehr mit“? Grundeinkommen soll doch gerade ermöglichen, innovativer mitzumachen!
      Dazu werden weiterhin Fleiss, Termintreue, Vertrauen und Exaktheit gebraucht.
      Auch wenn die Roboter privaten Unternehmen gehören, so sind sie doch nur möglich geworden durch die Bildung und Forschung der ganzen Gesellschaft. Deshalb kann und muss die Gesellschaft auch Steuern beschließen, das ist ein ganz normaler Vorgang, ohne den es kein Gemeinwesen und damit auch keine Stabilität / Produktivität gäbe.
      So, wie einmal beschlossen wurde, dass die Allgemeinheit Strassen für alle zur bedingungslosen Benutzung baut, weil alle sie brauchen und damit viel produktiver vorankommen, als wenn an jeder Ecke ein Wegezoll-Häuschen steht, so können wir auch beschliessen, das Grundeinkommen bedingungslos zu machen, wenn uns die Erwerbsarbeit ausgeht, weil es ohnehin alle brauchen, um arbeiten zu können.
      (Siehe http://www.srf.ch/news/wirtschaft/in-jedem-zweiten-job-wird-der-mensch-ueberfluessig )

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