«Wir haben eine historische Chance»

Wegweisendes Interview mit Albert Wenger bei brand eins. Wenger ist Risikokapitalgeber und Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens. In diesem Interview stellt er die Idee in den Kontext der grossen Weltveränderungen:

«Wir haben eine historische Chance»

 

 

Aus dem Interview:

Von Computern komponierte Musik wird die Welt vermutlich nicht grundlegend verändern.

Die Musik natürlich nicht, aber die Veränderungen, die durch die Automatisierung auf uns zukommen, werden so groß sein wie beim Übergang von der Jäger-und-Sammler-Gesellschaft zu Ackerbau und Viehzucht und von der feudalen Agrargesellschaft zum Industriezeitalter. An diesen Wendepunkten haben die Menschen im Grunde alles verändert, und das werden wir nun auch tun müssen.

Was genau heißt „alles verändern“?

Ich muss ein wenig ausholen.Menschen organisieren und entwickeln sich um Knappheiten herum. Bei den Jägern und Sammlern war das Essen das knappe Gut. Wenn nicht genug da war, sind sie weitergezogen, und deshalb haben die Menschen die ganze Welt relativ schnell bevölkert. Nach dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht war ausreichend Nahrung vorhanden, und es entstanden hierarchisch organisierte Gesellschaften mit Bevölkerungswachstum. Nun wurde der Boden knapp, was zur Folge hatte, dass Menschen acht- bis zehntausend Jahre Kriege um Land führten. Mit der Industrialisierung wurden dann Bodenschätze, Produktionsmittel und später Kapital zur Knappheit. Die Bedeutung des Bodens nahm ab, aber die agrarisch geprägten, politischen Eliten blieben gedanklich lange auf den Boden fixiert. Deshalb führten sie auch bis ins 20. Jahrhundert Kriege um Land. Heute sind wir in der Situation, dass die Bedeutung von Kapital abnimmt, die Eliten das aber noch nicht verstanden haben.

Was müssen sie verstehen?

Dass heute Aufmerksamkeit die knappe Ressource ist. Damit meine ich die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf die richtigen Fragen und Probleme zu richten und damit das knappe Gut richtig zu priorisieren.

Wie meinen Sie das?

Aufmerksamkeit fehlt auf zwei Ebenen. Individuell verschwenden wir unendlich viel Zeit mit Ablenkungsübungen – zum Beispiel damit, unseren Twitter-Feed oder Facebook-Stream zu aktualisieren. Stattdessen sollten wir uns öfter fragen, was wir wirklich mit dem Leben anfangen wollen. Kollektiv gibt es eine groteske Verteilung der Aufmerksamkeit zugunsten des Kapitals. Wie viele Menschen arbeiten weltweit im erweiterten Sinn für Banken und die Finanzindustrie? Abermillionen. Wie viele Menschen versuchen weltweit herauszufinden, welche Asteroiden die Erde treffen könnten und was man eventuell dagegen tun sollte, wenn einer auf uns zurast? Es sind weniger, als in einer McDonald’s-Filiale arbeiten. Dabei ist diese Frage für die Menschheit unter Umständen von extrem großer Bedeutung. Gleiches gilt natürlich auch für den Klimawandel. Auch hier stehen Bedrohung und Aufmerksamkeit in einem grotesk schlechten Verhältnis.

Was hat das mit Automatisierung zu tun?

Sie wird es uns erlauben, dass wir uns in vielen Bereichen vom Zwang zur Arbeit befreien. Wir müssen nicht mehr in Fabriken schuften oder uns mit langweiligen Bürotätigkeiten herumschlagen. Wir haben die historische Chance, Wissen und Kultur in einem Umfang zu erzeugen und zu teilen, der bisher undenkbar war. Langfristig wird das so kommen, aber die Übergangsphase wird sich ausgesprochen schwierig gestalten. Die Entscheider in Politik und Wirtschaft sind weltweit nach wie vor voll darauf eingestellt, die Kosten für Kapital zu senken, um Menschen klassische Arbeit zu verschaffen. Vollbeschäftigung ist in Anbetracht der technischen Fortschritte aber schlichtweg anachronistisch. Stattdessen werden wir endlich viel mehr Zeit haben, über Sinnvolles nachzudenken. Auch beim Müßiggang übrigens.

Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen einem Webstuhl und einem intelligenten Computer. Ein Webstuhl kann schneller Stoff herstellen als ein Mensch, es braucht aber noch Arbeit und Kapital. Ich muss Kapital einsetzen, um Arbeit am Webstuhl zu reduzieren. Neue und bessere Webstühle sind teuer. Das Kapital hierfür muss erwirtschaftet werden. Mit dem Kapital ist im Industriezeitalter die Arbeit gewachsen: Mehr Kapital, mehr Wachstum, mehr Arbeit, das war die dominierende Entwicklungslogik der Industriegesellschaft. Körperliche Arbeit wurde dabei schrittweise reduziert, dieser Wegfall aber durch Kapitalwachstum bei geistiger Arbeit und im Dienstleistungsbereich mehr als kompensiert.

Computer hingegen entkoppeln Kapital und Arbeit. Ökonomisch betrachtet, gilt nun das Prinzip der Null-Grenzkosten, das wir von anderen digitalen Anwendungen kennen. Eine Software zu entwickeln kostet Geld, oft viel Geld. Aber wenn sie erst einmal läuft, kann der Entwickler sie zu extrem geringen Kosten beliebig oft vertreiben. Software wird heute zu Null-Grenzkosten ausgeliefert. Konkret heißt das zum Beispiel, dass eine Krebsdiagnose so gut wie nichts mehr kostet. Dies wird dramatische Auswirkungen auf den Preis von menschlicher Arbeit haben, und zwar auch von hoch bezahlten Spezialisten. Die Arbeit verliert ihren Wert, genau wie Kapital nicht mehr der entscheidende Wachstumsfaktor ist, weil diejenigen, die über ihre Plattformen zu Null-Grenzkosten ausliefern können, ohnehin über mehr als genug Kapital verfügen. Facebook und Google geben eine Vorahnung davon, was auf uns zukommt.

Null-Grenzkosten sind in den volkswirtschaftlichen Theorien nicht vorgesehen. An ihnen scheitern alle Modelle.

So ist es. Null-Grenzkosten heißt übertragen: Du kannst ab einer bestimmten Produktionsmenge eine Pizza für null Cent herstellen und ausliefern. Dann hat niemand auf der Welt mehr eine Chance, gegen dich zu konkurrieren, und du belieferst die ganze Welt mit Pizza. Genau diese Situation haben wir jetzt schon in einigen Bereichen von Informationstechnologie und Internet. Das schlägt aber noch nicht so stark auf den Preis von Arbeit durch, solange der Computer ein Werkzeug ist, menschliche Arbeit aber nicht ersetzt. Doch das ist der Durchbruch, vor dem wir stehen, und deshalb wird der gesellschaftliche Umbruch durch Automatisierung so radikal sein. Das Problem ist: Wir sind auf diesen Umbruch zurzeit nicht vorbereitet, und das müssen wir schleunigst ändern.

 

Albert Wenger wird am 4. Mai an der Konferenz «Zukunft der Arbeit» in Zürich sprechen.

Comments

  1. Der Artikel vermischt viele Utopien und Eventualitäten zusammen zu einem riesigen Mix aus falschen Vorstellungen. Hätte Herr Wenger auch schon nur „Volkswirtschaft 1“ an der Uni besucht, er würde nicht solche Töne posaunen.

    Zu den Punkten im einzelnen:
    Die Erwähnung der Aufmerksamkeitsökonomie scheint ein guter Punkt zu sein. Leider gilt dies nur in der Werbung: Der Mensch wird auch weiterhin ein Produzent bleiben und nicht nur ein Kosument, der seine Zeit auf verschiedene Konsumarten einteilen muss. Ein Grossteil der wachen Zeit muss der Mensch immer noch dafür sorgen, dass er in der kurzen Zeit nach der Arbeit überhaupt konsumieren kann. Natürlich sind die Angebote der Computerwelt niemals umsonst, ausser man nimmt es illegal: Auch Youtube-Videos und facebook schalten Werbung ein um Einnahmen zu generieren: Ich bekomme ein Video geschenkt, wenn ich vorher 5 Sekunden Werbung anschaue und mich dabei auf ein Produkt oder eine Dienstleistung einlasse, die ich unterbewusst konsumieren möchte.

    Der Computer bringt nicht einfach ein neues utopisches Paradigma mit sich: Computer sind physische Maschinen, die immer noch Strom, Aluminium benötigen und Ordnung in Entropie verwandeln. Zudem gibt es noch keine Computer, welche sich selbst programmieren können: es braucht also immer noch Menschen, welche die Computer programmieren und betreuen, was viel Arbeit bedeutet. Sollten Computer einmal in der Lage sein, sich selbst zu programmieren öffnet das überdies die ethische Frage, ob es richtig ist ein bewusstes Wesen nur für unsere Drecksarbeit einzusetzen und ihm nicht an unserem Wohlstand teilhaben zu lassen: das heisst, der neuer Arbeiter ist jetzt ein sich-bewusster Roboter, der wie ein Arbeiter ist und gerne etwas für seine Arbeit bekommen möchte. Der Roboter arbeitet also auch für Lohn.

    Ganz abstrus wird der Artikel, wenn von „Null-Grenzkosten“ die Rede ist: Es gibt keine Null-Grenzkosten, dies ist ein ökonomisch-physikalisches Prinzip. Es gibt nichts vergebens, auch keinen Gratis-Lunch oder „freie Energie“. Alles ist darauf bedacht dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu folgen bis das Universum den Wärmetod sterben wird.

    Der Traum ist alt, sich bedienen zu lassen und ALLES gratis zu haben. Im Mittelalter träumte man noch von unbegrentzem Essen, da Nahrung damals eine knappe Ware war. Heute träumen die Menschen von unendlich viel Geld.

    Natürlich können wir jederzeit neues Geld drucken, das macht aber den Berg der Güter und Dienstleistungen nicht grösser. Wie uns die Geschichte gelehrt hat, ist Inflation sogar etwas Schlechtes, da die Menschen sehr viel Zeit und Mühe dafür aufwenden müssen immer Geld gegen Waren und andere stabile Währungen einzutauschen. Das schlechte Geld verdrängt dabei nach Gresham’s Law das Gute, was noch mehr zur Katasrophe beiträgt.

    Immer wieder sagen uns die BGE-Befürworter voraus, dass „die Revolution kurz bevorsteht“. Das haben wir schon 1848 gehört, und seitdem bei jeder temporären Krise der Weltwirtschaft uns anhören müssen, dass das Ende des Kapitalismus kurz bevorstehe. Niemals in diesen 13 Krisen ist es eingetreten, dass der Kapitalismus gestürzt wurde und durch ein BGE ersetzt wurde, jedenfalls im Westen nicht. Jetzt kommen sie wieder und verlangen „eine Revolution“.

    Revolutionen haben meist sehr blutig geendet und im Falle der Juni-Revolution in der Sowjetunion zu viel Leid und Unglück geführt. Dabei waren die Menschen damals nicht weniger zuversichtlich, dass „ihr Modell“ stehen würde und dass es schon irgendwie klappen würde. Das Ergebniss war eine Katastrophe mit Millionen von Todesopfern.

    Ich möchte daher kein BGE. Ich möchte Freiheit und die Bestätigung, dass meine Arbeit etwas Wert ist.

  2. wenig richtiges und viel fast richtiges!
    – der mensch wird nie und nimmer gar nichts tun wollen, auch dann nicht, wenn er dafür noch bezahlt werden sollte.
    – die idee und der verfassungstext erscheinen als (schon im voraus gescheiterte) abzockerinitiative 2.
    – etwas richtig wichtiges fehlt (kommt hier am schluss…)
    – richtig ist der vorschlag von oswald sigg. steuern im promillebereich auf kapitalverkehr sind mehr als überfällig, weil dieser – im gegensatz zu gewinnen aus erwerbsarbeit – fast nichts in die staatskasse abwirft. wo sind die börsengewinne der letzten 46 jahre gelandet, in denen sich der dow-jones von 1’000 auf über 12’000 hochgeschraubt hat?
    – zum schluss:
    hat – ausser o. sigg niemand daran gedacht, dass ein bedingungsloses grundeinkommen von geburt bis zum tod auszubezahlen sein würde (AHV-vom 1. tag an). zu ende gedacht, bedeutete dies nichts weniger, als dass die – in zukunft kaum mehr zu finanzierende – AHV abgeschafft werden kann, muss

    • Das ist mir sehr positiv aufgefallen, die Idee von oswald sigg. steuern im promillebereich auf kapitalverkehr erheben, damit könnte auch die Lücke in der AHV finanziert werden, die aufgrund der demografischen Situation, der Babyboomer entsteht, die in Rente gehen. (geburtenreichste Jahrgänge in der Schweiz: 1955 -1965)

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