Was macht das Grundeinkommen mit dem menschlichen Wesen?

Wie ist das menschliche Wesen? Die Debatte zum Grundeinkommen liefert Antworten. Enno Schmidt reagiert hier auf einen Analyse-Beitrag von Patrick Feuz im Tages-Anzeiger.

 

Patrick Feuz schreibt im Tages-Anzeiger, die Initiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen verkenne das menschliche Wesen. Denn wer nicht mit der Alternative des Existenzverlustes unter Bezahlung zur Arbeit getrieben sei, geriete leicht in ein Entsetzen vor der Leere seines Wesens. Der fühle sich nicht mehr gebraucht und verfiele möglicher Weise in Lethargie. Wie manche Rentner eben. Das menschliche Wesen ist nach Patrick Feuz, dass man es nicht darauf ankommen lassen sollte, ihm zu begegnen. Nicht ohne Arbeitskleidung jedenfalls. Nicht ohne vorgegebene Aufgabe. Nicht ohne Arzt. Der Mensch muss von sich abgelenkt werden um gesund zu sein. Der Druck zur unbedingten Erwerbstätigkeit ist das beste Mittel, um vom Wesentlichen abzulenken. Arbeit ist auch dafür da, die Probleme nicht ansehen zu müssen. Arbeiten, um nicht arbeiten zu müssen?

Selbstverwirklichung, das ist für Patrick Feuz ein seidener Luxus der Eliten. Und den unterstellt der dem bedingungslosen Grundeinkommen. Der einfache Mann, die einfache Frau, denen bedeute das nichts. Die haben nicht solche Probleme. Dünnes Stroh sind Selbstverwirklichung und gar Kunst für Patrick Feuz. Das menschliche Wesen will Fleisch für Fleiß und Anerkennung dafür, sich angepasst zu haben. Nicht vorzukommen als man selbst, das ist nach Patrick Feuz der Sinn der Arbeitswelt und entspricht dem menschlichen Wesens.

Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein Widerspruch zu dem, dass jemand sich nicht viele Gedanken um seine Arbeit machen will, dass er gesagt bekommen will, was er zu tun hat, dass er feste Strukturen will, die ihn halten und vor Zweifeln schützen, dass er sich zugehörig fühlen will, dass er wenig damit zu schaffen haben will, die ganze Sache selbst zu verantworten, und dass er im Lohn die Wertschätzung dieser seiner Tätigkeit sieht. Was sagt das Grundeinkommen dagegen? Nichts. Das ist auch eine Art der Selbstverwirklichung. Das bedingungslose Grundeinkommen macht nur das Eigene der Entscheidung deutlicher. Individuelle Entscheidung ist nicht Abwegigkeit und führt nicht unbedingt in die Depression, wie Patrick Feuz vermutet. Was ist denn der Mensch, wenn nicht stets darum bemüht, es so gut zu machen, wie er kann, und einen Sinn zu finden, indem er anderen etwas zugute tut? Nur sieht das bei jedem anders aus. Das Grundeinkommen definiert kein Besser oder Schlechter. Es ist das Zutrauen zu dem Menschen. Nicht zu einem besseren Menschen. Es ist keine Angst vor dem Menschen.

 

Vom Menschen- zum Tierbild
Patrick Feuz argumentiert so, als würde er sagen: lass die Tiere im Zoo in ihren Laufgittern. Denn darin sind sie sicher und gut versorgt, darin haben sie ihren Rhythmus und sind wie die anderen. Man sieht auch nicht, was sie sonst noch wollen. Würde man sie freilassen, dann würden sie wahrscheinlich eingehen. Und die paar schnatternden Wildgänse, die frei herumfliegen, sollen sich bloss nicht einbilden, dass die Seelöwen wie sie sein wollen.

Beim menschlichen Wesen auf das Tier zu kommen ist weit verbreitet. Da lässt man sich treiben. Dann kommt man von ganz alleine darauf und hält das für ein besonders inniges Verständnis vom menschlichen Wesen. Es ist naiv zu meinen, man könne etwas über das menschliche Wesen feststellen und sei dabei nicht selbst unmittelbar in der Verantwortung.

 

Das Grundeinkommen ist keine Rente
Patrick Feuz beginnt seine „Analyse“ eines bedingungslosen Grundeinkommens im Bezug auf das menschliche Wesen damit, dass er das Grundeinkommen eine Rente von klein auf nennt.
Eine Rente ist aber eine Versicherungsleistung für den Fall der Unfähigkeit zur Erwerbstätigkeit bei Invalidität oder im Alter. Das ist etwas anderes als das bedingungslose Grundeinkommen. Patrick Feuz hat das falsche analysiert. Er hat Grundeinkommen und Rente verwechselt. Woher kommt das? Weil ein Einkommen, das keine Gegenleistung anspricht, sondern allein Leben ermöglicht, in der Gewohnheit mit Gebrechlichkeit oder wohl verdientem Ruhestand gleichgesetzt wird. Oder mit Familienzugehörigkeit. Der Irrtum von Patrick Feuz ist nachvollziehbar, wird dadurch aber nicht besser. Er ist Bequemlichkeit.

Und das menschliche Wesen? Patrick Feuz möchte vor allem mal etwas sagen. Und zwar nicht, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen gewaltige Geldmengen anders fließen lässt und zur Leistungsbremse in der Wirtschaft würde, wie es der Bundesrat in seiner Ablehnung der Initiative zu bedenken gibt, sondern er möchte das mal ganz menschlich beleuchten. Er möchte nach der Botschaft des Bundesrates der Grundeinkommensinitiative nun auch menschlich den Wind aus den Segeln nehmen. Er, Patrick Feuz. Denn für menschlich hielt der Bundesrat die Initiative ja immerhin.

 

Warum soll der einzelne Mensch die Verantwortung nicht tragen können?
Was in so vielen Kritiken am bedingungslosen Grundeinkommen vorliegt, das liegt auch hier vor. Es wird übersehen, dass ein Grundeinkommen nicht bestimmt, wie Menschen sein sollen, sondern dass es nur die Lebensführung mehr in die eigene Hand gibt und den Entscheidungen mehr Freiheit gibt. Es richtet sich nur auf den Menschen. Nicht auf die Funktion, nicht auf den kreativeren oder produktiveren oder fauleren oder hilfsbereiten oder sonst wie nach meiner Pfeife tanzenden Menschen. Das Grundeinkommen ermöglicht. Was dann geschieht, liegt in der Verantwortung des Einzelnen. Wieso sollte der die nicht tragen können?

Und wenn es so ist, wie Patrick Feuz befürchtet, dass dann die ungelösten Probleme in den Beziehungen und sich selbst gegenüber auftauchen und ein Horror Vacui entsteht, ein noch nicht erkennbar Reales, das Zukünftige eben, das mit dem Alten nicht erkennbar ist, dann wäre es doch um so wichtiger, diese Dinge anzugehen, mit der Zeit zu gehen, auch vielleicht mehr Kraft in sich zu entwickeln, aus eigenem Antrieb tätig zu sein. Insofern ist das bedingungslose Grundeinkommen leistungsorientiert und eine Herausforderung. Es ist insofern arbeitsorientiert. Nicht Verdrängungsorientiert.
Es lässt den Funken Geist zu, der den Menschen vom Tier unterscheidet.

Enno Schmidt

 

Beachten sie auch die zahlreichen Kommentare beim Tages-Anzeiger.

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Comments

  1. Das Grundeinkommen ist nur dann möglich wenn sich die Menschen von der feudalistischen Vorstellung trennen das sie verpflichtet sind irgendeiner Authorität (Staat,Firma,Partei usw) zu dienen. Denn es ist ja diese feudalistische Moral welche sagt, das wer nicht für die Authorität arbeitet es nicht verdient hätte zu Essen. Also das Recht auf leben nicht verdient habe. Unser jetziges System spricht also nur all jenen das Recht auf Leben zu welche sich unterwerfen, welche Untertanen sein wollen.

    Das Grundeinkommen kann diese feudalistische Logik durchbrechen, das Untertanentum beenden und somit das Tor zur echten Freiheit aufbrechen.

  2. Das Grundeinkommen macht nicht faul sondern jeden sicher nicht einmal auf der Strasse landen zu müssen! Denke ich daran, mit dem Grundeinkommen braucht es keine AHV und ALV und so weiter mehr! So einfach und praktisch: jeder Schweizer kriegt sein Geld egal wie alt er ist und ob er noch Arbeit hat oder nicht! Was wollen wir denn mehr?!

    • Guten Tag

      Der obige Cartoon ist einer meiner Lieblingscomics. Genau so würde es nämlich sein, sollte der Unsinn des bedinungslosen Grundeinkommens in der Schweiz tatsächlich einmal eingeführt werden: Ungeputzte Toiletten, Strassen, Züge und alle wären am Gedichte und Songs schreiben, die Köpfe in den Wolken und niemand kümmert sich mehr um die alltäglichen Belange der Menschheit. Es würde uns das Benzin ausgehen und auch das Essen, so dass die UNO Hilfsprojekte in der Schweiz starten müsste, um die Bevölkerung mit dem Nötigsten zu versorgen.

      Doch schauen wir mal, was effektiv passieren wird: Die Anzahl Stunden, die gearbeitet werden, gehen realistischerweise auf 20% zurück. Das verknappt die materiellen Güter und Dienstleistungen im Verhältnis zum Geld: Inflation beginnt sich breit zu machen, und das ohne dass Thomas Jordan auch nur eine einzige Massnahme gegen Deflation einsetzt. Die Steuern, die ja jetzt auf den Konsum anfallen, verteuern die Güter und Dienstleistungen ungemein. Um die Menschen überhaupt real noch versorgen zu können muss der Staat noch mehr Steuern eintreiben, die Reichen springen ab ins Ausland, die Preise steigen abermals, der Staat muss noch mehr Steuern eintreiben und Thomas Jordan setzt die Notenpresse wie verrückt in Kraft: Es kommt zu Hyperinflation und der Schweizer Franken stützt ins bodenlose. Bald ist ein Schweizer Franken weniger Wert als ein Zimbabwe Dollar während der Hyperinflation von 2008. Die Schweiz wird ein Entwicklungsland nach afrikanischem Vorbild, Gewalt, Arbeitslosigkeit, nicht existierende Institutionen, kein Rechtsstaat, niedrige Bildung und niedriger Zugang zu sauberem Trinkwasser und 2500 Kalorien am Tag wären die Folgen.

      „Wollen wir das wirklich?“ frage ich das die Anthroposophen und „Gutmenschen“ die sich für das Grundeinkommen stark machen.

      Das Grundeinkommen müsste notwendigerweise jede Art von Eigeninitiative und Eigenverantwortung im Keim ersticken! Sie machen die Schweiz kapputt und haben auch noch Spass dabei. Das ist der oberste Gipfel, den man bieten kann.

      Kein Grundeinkommen, sage ich Euch! Kein Grundeinkommen, komme was wolle!

      • Genau um das geht es doch! Durch den technischen Fortschritt wird es in allzu ferner Zukunft keine Menschen mehr brauchen, welche einfache Tätigkeiten wie Reinigungsarbeiten, etc. machen! Auch in der Landwirtschaft wird man sehr viel automatisieren können (Sämaschinen, Mähdrescher, etc. sind sogar noch einfacher zu automatisieren als Fahrzeuge im Strassenverkehr). Ob das bedingungslose Grundeinkommen dafür die richtige Antwort ist, steht allerdings in den Sternen. Zu diskutieren wäre wohl in Zukunft auch eine Anpassung der Wochenarbeitszeit als Anpassung an die zunehmende Automatisierung.

  3. Ich bekomme gerade einen Gründungszuschuss zum Start in die Selbstständigkeit aus der Arbeitslosigkeit – das ist ein bisschen wie ein Grundeinkommen auf Zeit. Es ist großartig! Seit der Druck zu Bewerbungen um jeden Preis aufgehört hat und ich mich auf meine Ziele konzentrieren kann bin ich motiviert und glücklich wie nie. Ich arbeite sogar wesentlich mehr als vorher in Vollzeit, aber ohne Stress und Druck, weil es sich gar nicht so richtig nach Arbeit anfühlt, weil ich liebe, was ich nun tue…leider läuft die Förderung nun bald aus und ich hoffe, dass meine Selbstständigkeit bestand hat. Mit Grundeinkommen müsste ich mir da weniger Sorgen machen und hätte die nötige Zeit, die eine neue Geschäftsidee einfach braucht…

  4. Grundeinkommen sollte für jeden Menschen auf der Erde ein Grundrecht sein – nicht nur in einem Land ! Jeder hat das Recht, sich selbst zu verwirklichen und seine Träume zu leben. Gerecht kann dies aber nur sein, wenn jeder die selbe Grundleistung bekommt, d.h. jeder gleichgestellt wird. Ansonsten haben wir wieder die Kluft zwischen arm und reich und somit Missgunst und Neid.

  5. Gegenfrage: Was macht Abhängigkeit mit dem menschlichen Wesen?
    Die diesbezügliche Erfahrung lehrt, dass sie weder glücklich macht, noch der Entdeckung des eigenen Potentials dient und für eine innovative Gesellschaft nicht hilfreich ist. Läuft es „auf Arbeit“ gut bis einigermaßen, mag es ja der Zufriedenheit dienen. Aber wenn was dazwischen kommt? Arbeitgeber, soziale Leistungsträger und Politik haben den Daumen auf der Existenz von ihnen Abhängiger. Das soll für letztere angenehm sein? Für nicht wenige wird das Leben von Ängsten regiert.

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