Generation Grundeinkommen von Neurobiologe inspiriert

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Professor Dr. Gerald Hüther ist Neurobiologe und betreibt an der Universität Göttingen Präventionsforschung. Das Interview von Mathias Morgenthaler mit Hüther im Berner Bund inspiriert und charakterisiert wesentliche Merkmale der Generation Grundeinkommen:

Die Zeit der Einzelkämpfer ist vorbei

 

Ausschnitte:

Sie kritisierten kürzlich in einem Interview, dass Unternehmen «Dressurmethoden» anwenden, um Fachidioten auszubilden, statt auch Querdenkern und Quereinsteigern eine Chance zu geben.

Das gilt für die auf reibungslose Effizienz getrimmten Konzerne. Aber im Mittelstand, der in der Schweiz und in Deutschland die Wirtschaft prägt, geht es unglaublich bunt zu und her, da sehe ich keine Stromlinienförmigkeit. Machen wir uns nichts vor: Effizienz und Massenproduktion, das können die Chinesen besser als wir. Unsere Chance besteht darin, innovativ zu sein und Neues zu erfinden. Dafür braucht jeder Arbeitgeber Mitarbeiter, die ihm etwas schenken, was er nicht gegen Bezahlung einfordern kann: die Lust am Nachdenken, die Freude an der Gestaltung. Und echte Freundlichkeit. Ein aufgesetztes Lächeln kann man antrainieren, echte Freundlichkeit entsteht nur, wenn ich in Kontakt bin mit meinen Talenten. Dies wiederum gelingt leichter, wenn Eltern ihren Kindern erlauben, eigene Wege zu gehen, statt vor lauter Ängstlichkeit darauf zu beharren, dass sie etwas Rechtes lernen, sprich: sich frühzeitig in ein Berufsschema zwängen lassen.

Sie unterstützen die Bewegung Millionways und die gleichnamige Stiftung. Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Wir leben alle so dahin, lassen uns leben und treiben, stellen aber die entscheidenden Fragen nicht, die da lauten: Was will ich wirklich? Warum will ich hier unterwegs sein? Was kann ich bewegen? Diese elementaren Fragen liegen oft tief verborgen, zugeschüttet mit Alltagsmüll, verdrängt durch Geschäftigkeit. Die heutige Wirtschaftswelt basiert meist auf Wachstum statt auf Ethik – dadurch werden Menschen gefördert, die funktionieren, aber nicht mehr sie selbst sind. Wir werden belohnt dafür, unachtsam mit uns und unserem Umfeld zu sein. Mit der Bewegung Millionways wollen wir zu einer Gesellschaft beitragen, in der es normal ist, das Potenzial jedes Einzelnen zu entdecken, zu fördern und auszuleben. Bislang ging das nur, wenn Einzelne überdurchschnittlich viel Kraft, Mut und Energie hatten – denn geholfen wurde einem selten. Oft wurde man sogar entmutigt und entfernte sich von den eigenen Träumen aus rationalen Beweggründen und scheinbaren Zwängen.

Wie wollen Sie das ändern?

Indem wir jeden Einzelnen dazu befähigen, ein klares Bewusstsein seiner Talente und Begabungen zu entwickeln. Dann braucht es die Bereitschaft von Arbeitgebern, solche selbstbewusste Berufsleute auch einzustellen. Der Sinn des Lebens besteht nicht darin, als arbeitender Mensch zu funktionieren, sondern als lebender Mensch zu existieren. Millionways fungiert als Anlaufstelle für Menschen, die ihr wahres Potenzial erkannt haben oder erkennen wollen – und für Unternehmen, die auf solche Mitarbeiter setzen. In gewisser Weise holen wir nach, was die Schule versäumt, weil sie noch immer mehr wie eine Erbsensortieranlage funktioniert.

Machen Sie es sich mit dieser pauschalen Kritik an der Schule nicht etwas zu einfach?

Die Schule wird von jeder Gesellschaft so betrieben, wie es zur Erhaltung dieser Gesellschaft erforderlich ist. Im Fabrikzeitalter brauchte es Pflichterfüller, die auf Belohnung und Bestrafung reagierten. Heute braucht es Menschen, die ihr Potenzial nicht entfalten konnten und deshalb zum bedürftigen Konsumenten taugen. So gesehen macht die Schule alles richtig. Als Hirnforscher, der sich fragt, was ein Mensch alles sein könnte, bin ich aber nicht glücklich über unser Schulsystem. Es macht viele unserer Kinder zu Optimierern und Schnäppchenjägern, deren Expertise darin besteht, mit wenig Aufwand gut über die Runde zu kommen. Das prädestiniert sie dazu, billig Schrott zu erstehen und auf den Weg der kollektiven Verblödung einzubiegen.

Welche Alternativen schlagen Sie vor?

Es gibt sie schon, die anderen Schulen, wie die Initiative «Schulen der Zukunft» zeigt. Ich war gerade auf einem Kongress mit 1200 Teilnehmern in Zürich. Da gibt es jahrgangsübergreifend Lernbüros statt Frontalunterricht, die Schüler legen selber einen Plan fest, wie sie sich durch eine Sequenz von Aufgaben durcharbeiten. Sie holen sich Hilfe bei älteren Mitschülern und melden sich zur Prüfung an, wenn sie bereit sind. Es gibt Fächer wie Verantwortung, wo sich Kinder um Senioren oder Zootiere kümmern. Wenn alle Schulen so funktionieren würden, müssten 90 Prozent der Läden an der Zürcher Bahnhofstrasse mangels Nachfrage schliessen – und nicht nur dort.

Sie rufen also zum Konsumverzicht auf in eine Zeit, in der uns alle Ökonomen predigen, dass wir dringend weiteres Wachstum brauchen?

Blinder Konsum, der die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen in Kauf nimmt, ist keine Lösung, sondern wesentlicher Bestandteil unseres Problems. Massenproduktion ist eine Ersatzbefriedigung einer Gesellschaft in grosser Identitätskrise. Aus der Neurobiologie wissen wir: Wenn wir die Beziehungen verbessern zwischen den Nervenzellen, sprich für bessere Konnektivität sorgen, dann erreichen wir mehr mit geringerem Ressourcenaufwand. Das ist in meinen Augen auf die Wirtschaft übertragbar. Der Wettbewerb in der heutigen Form richtet uns auf Dauer zugrunde. Das Zeitalter der Einzelkämpfer neigt sich dem Ende zu, wir sollten lernen, uns besser zu verknüpfen und mehr zu teilen. Jede andere Haltung ist so sinnlos, als würde die Leber mit Milz und Lunge darum kämpfen, wer die Macht über den Körper hat.

 

Auf die Frage nach dem bedingungslosen Grundeinkommen antwortete Gerald Hüther kürzlich:

„Ich würde das BGE sofort einführen.“

 

Weitere Beiträge:
www.gerald-huether.de
www.millionways.org

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Comments

  1. Es gibt Sie wieder die „tscholdigong“ Alten Weisen Männer, dafür bin ich unendlich dankbar!

    So hoffe ich, dass sich nicht nur doktorierte Professoren, sondern auch Wirtschaft und Politik langsam auf ethische Ebene bewegen. Dazu müssten diese endlich Zeit erhalten zum aktiven Nachdenken (mit dem Grundeinkommen wäre dies möglich) und nicht den ganzen Tag einer notorischen Beschäftigung nachgehen, bis zum bitteren Ende.

    BruttoinlandAugenwischerei gepaart mit Halbwahrheiten bringen uns nicht viel wenn wir an der eigenen Sch… ersticken.

    Herzlichen Dank und Bahnhofstrasse Sch’Ade‘

  2. Sehr geehrte Damen und Herren,

    jetzt kommt Radio Eriwan. Den Aussagen von Herrn Prof. Hüther kann man im Prinzip zustimmen, wenn er nicht ständig das Modewort Querdenken benutzte. Gerade als Neurobiologe sollte er wissen, dass es beim Denken auf nichtlineares Denken ankommt. Dieses ist ein assoziativer Vorgang der über seine verschlungenen Wege und Neuverknotungen zu weiterführenden Ergebnissen führt. Thema der Zeit darf also nicht mehr Querdenken und vor allem auch nicht mehr Nachdenken sein. Nachdenken ist eher eine Trainingsmethode um überhaupt zu lernen mit der Fähigkeit Denken umzugehen. Querdenken ist dann vielleicht so etwas wie die Pubertät des Denkens. Das was erreicht werden muss ist, wie es auch schon Kant definierte, das Selbstdenken und das bewusste Einsetzen des nichtlinearen Denkens als Instrument von Kreativität.

    Auch ich bin ein Befürworter des Grundeinkommens, allerdings als ein Teilschritt einer umfassenderen Gesellschaftsreform. Wir sollten eigentlich unterdessen in der Lage sein uns von der Besteuerung von Arbeitsleistung zu befreien und endlich den Schritt hin zu einer durchstrukturierten Verbrauchsbesteuerung schaffen. Damit einhergehend sollte Bildung sich von reiner Wissensvermittlung befreien und eher dazu dienen das Denkpotential von Menschen zu entwickeln und den Fähigkeiten des Einzelnen entsprechend zu optimieren. Dazu braucht es aber keine Erfüllungsgehilfen sondern Selbstdenker.

    MFG

    Cornelius Rinne

    • Mich würde die Meinung der Jugend dazu interessieren.
      Mich als älteren Menschen spricht BGE voll an.
      Nachdem ich über 40 Jahre dem alten System gedient habe, weiß ich, dass es so nicht weitergehen kann. Ich wünsche der Jugend genug Kraft um neue Wege zu beschreiten welche die noch vorhanden Reserven besser einsetzt und vor allem gerechter verteilt.

    • … Eltern, die für ihre Kinder „etwas Besseres wollen“, haben selbst das „Beste“ nie erreicht …
      … aber was „das Beste“ für einen ist, muss jeder für sich selbst herausfinden … es ist nämlich das, was einen zufrieden macht … und nicht das, was am Monatsende möglichst viel Geld aufs Konto schwappen lässt …
      Dort bestehen die Probleme und Missverständnisse!

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