Grundeinkommen: Der Geldberg wird zum Teppich

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Geldberg-Performance der Generation Grundeinkommen am 4. Oktober 2013 auf dem Bundesplatz in Bern
Foto: Stefan Bohrer

 

Daniel Häni zur Geschichte und zur Perspektive der Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Aufgezeichnet von Christoph Pfluger im Magazin ZEITPUNKT:

Der Geldberg wird zum Teppich
(PDF)

 

„Ich erinnere mich genau: Im Herbst 1990 stand ich am Barfüsserplatz in Basel und schaute mir die Schlagzeilen am Kiosk an. «Grundeinkommen für alle» titelte die Weltwoche. Ich war elektrisiert. Die Idee passte zu meiner Grundfrage: Was tun Menschen, wenn sie nicht müssen? Das Bild, mit dem die Weltwoche den Text illustrierte, war damals genauso falsch wie viele Vorurteile heute: ein Bauarbeiter in der Hängematte. Die Erfahrungen mit meinen damaligen Kulturprojekten war nämlich eine ganz andere: Wenn der Mensch ungezwungen tätig sein kann, wird er kreativ und produktiv. Und: man muss differenzieren zwischen konstruktivem und destruktivem Druck.
In der Folge diskutierte ich die Idee in meinem Bekanntenkreis und formulierte sie in eine Frage: Was würdest Du arbeiten, wenn für Dein Einkommen gesorgt wäre?

Richtig Schwung erhielt die Idee, als ich 2005 den Frankfurter Künstler Enno Schmidt kennenlernte, ein scharfer Denker und eloquenter Redner. Zusammen vertieften wir die Idee und machten sie mit Bildern und Veranstaltungen erlebbar im Hinblick auf eine mögliche Volksinitiative. Im Herbst 2008 erschien dann unser Dokumentarfilm «Grundeinkommen – ein Kulturimpuls». Die Resonanz überstieg alle unsere Erwartungen! Der Film wurde mittlerweile über 1 Million mal gesehen. Immer mehr Medien interessierten sich für das Thema und immer mehr Menschen kamen auf uns zu. Daniel Straub und Christian Müller aus Zürich waren entschlossen, dass die Zeit reif ist eine Volksinitiative zu lancieren. Ebenso der ehemalige Vizekanzler Oswald Sigg und die Unternehmerin Ursula Piffaretti.

Mittlerweile legendär ist der Kongress zum Grundeinkommen in Zürich vom Frühling 2011. Wir haben dafür das Kongresshaus gemietet. Bereits nach wenigen Tagen war die Veranstaltung ausverkauft. Hier traten u.a. Klaus Wellershoff (ehemaliger Chefökonom der UBS) für das Grundeinkommen und Roger Köppel (Chefredaktor und Verleger der Weltwoche) dagegen auf. Köppel ist seitdem mein Lieblingsgegner, weil er mit seiner provokativen Art der Debatte Kontur gibt und sichtbar macht, woher die Ängste, Missverständnisse und Bedenken zu einem bedingungslosen Grundeinkommen kommen. Erstmals beteiligte sich das Schweizer Fernsehen an der Debatte mit einem Beitrag bei Eco.

Ein Jahr später starteten wir die Unterschriftensammlung mit einem grossen Fest im Schiffbau. «Helvetia» unterschrieb als erste. Da war dann auch gleich die erste Arena-Sendung im Schweizer Fernsehen. Ich dachte, die Unterschriftensammlung sei angesichts des grossen Interesses ein Selbstläufer, auch ohne potente Organisation im Hintergrund. Aber nach einem halben Jahr hatten wir erst 30’000 Unterschriften beisammen, und das nach den dafür günstigen Sommermonaten. Doch dann kam die «Generation Grundeinkommen» auf die Bühne. Diese Bewegung wurde vor allem von jungen Menschen im Umfeld des «unternehmen mitte» in Basel gegründet. Es ist die Generation, die das Grundeinkommen einführt und damit leben wird. Sie ist weniger akademisch und ideologisch als viele noch von meinem Jahrgang es sind. Sie haben einen differenzierten Sinn für das Wirkliche und für die Kräfte in einer Gemeinschaft. Sie verstanden das Sammeln der Unterschriften als demokratische Dienstleistung und Fest. So schafften wir in den Wintermonaten mehr als das Doppelte an Unterschriften als im Halbjahr vorher. In diesem Frühling erreichten wir die magische Grenze von 100’000 Unterschriften und wussten: Wir werden es schaffen.

Vielleicht war es diese Sicherheit, die uns die Freiheit gab, die Übergabe der Unterschriften auf eine Art zu inszenieren, die uns weltweite Beachtung in den Medien brachte: Mit einem Kieskipper schütten wir acht Millionen Fünfräppler auf den Bundesplatz und breiteten den Berg zu einem goldenen Boden aus. Enno Schmidt hat das Bild treffend beschrieben: «Mit dem Grundeinkommen wird der Berg zum Teppich». Die Umsetzung war logistisch anspruchsvoll und nur dank engagierter Mitarbeit vieler möglich. Obschon mehr als 100 Menschen involviert waren, gelang es die Überraschung vor den Medien geheim zu halten. Jetzt geht die Gratwanderung zwischen Kultur und Politik erst richtig los. Ich freue mich darauf. Kultur in die Politik und Wirtschaft zu bringen ist das Anliegen. Das geht mit souveränen Menschen.“

Aufgezeichnet von Christoph Pfluger

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