Geld für alle – wie nah ist das Ende der Arbeit?

WELT AM SONNTAG:

«Eine alte Utopie erlebt gerade ein weltweites Comeback: das bedingungslose Grundeinkommen. Es soll den Bürgern Freiheit bringen und ihnen alle Existenzängste nehmen. Kann das gelingen?»

Geld für alle – wie nah ist das Ende der Arbeit?

«Die Idee berührt den Kern der Gesellschaft, in der Schweiz ebenso wie in Deutschland oder Kanada. Denn es geht um nichts weniger als das Ende der Lohnarbeit, wie wir sie bisher kennen. Was passiert, wenn jeder plötzlich tun kann, was er will, weil er sich um seine Existenz keine Sorgen mehr machen muss? Gönnen andere es ihm, wenn er kein produktives Mitglied der Gesellschaft mehr sein will – und aufhört zu arbeiten? Wie wirkt sich das aus, auf den Einzelnen und vor allem auf den Zusammenhalt einer Gesellschaft? Oder, wie Häni es sagt: „Bin ich bereit, die Existenz des anderen bedingungslos zu gewähren?“ Das sind die Fragen, um die es geht, nicht erst seit Häni und seine Leute eine „Volksinitiative“ angestoßen haben.

Ist das bedingungslose Grundeinkommen einfach bloß bezahltes Nichtstun oder aber ein Grundrecht und womöglich schon bald eine Notwendigkeit?

Häni nennt es eine „Durchsetzungsinitiative des gesunden Menschenverstands“. Er sitzt noch immer vor seinem Café, das er „Unternehmen Mitte“ genannt hat und ihm als Zentrale seiner Kampagne dient, und raucht filterlose Zigaretten zum Cappuccino. Das Ende der Lohnarbeit wird ausgerechnet im ehemaligen Sitz der Schweizerischen Volksbank vorbereitet: Der Unternehmer hat den monumentalen Bau vor 17 Jahren gekauft und ins größte Kaffeehaus des Landes verwandelt.

„Im Kern“, sagt Häni, „geht es nicht um Geld, sondern um Macht – also um mehr Selbstbestimmung.“

Neuerdings machen sich Ökonomen und Wirtschaftslenker wie Telekom-Chef Timotheus Höttges für ein Grundeinkommen stark. Warum? Häni umreißt es mit einem Stichwort: „Digitalisierung“. Denn die Technik frisst Arbeitsplätze, in rasantem Tempo. Einer Studie des Weltwirtschaftsforums zufolge werden Maschinen in den nächsten vier Jahren weltweit mehr als fünf Millionen Jobs ersetzen. In Ländern wie Deutschland oder Österreich seien zwölf Prozent aller Arbeitsplätze akut durch Roboter gefährdet, warnt auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Es geht also in der Diskussion inzwischen auch darum, wie diejenigen, deren Arbeitskraft nicht mehr gebraucht wird, nicht verarmen. Wie sie Teil der Gesellschaft bleiben können.

„Der Sozialstaat“, sagt Daniel Häni, „war vor 150 Jahren die Antwort auf die Industrialisierung. Das Grundeinkommen ist die Antwort auf die heutige Digitalisierung.“

Im Berliner Politikbetrieb, wo die Linien oft strikt entlang der Parteigrenzen verlaufen, hat die Diskussion um das Grundeinkommen zu kuriosen Allianzen geführt. Wie kaum ein anderes Thema hat es Linke wie Rechte, Liberale wie Konservative entzweit. In der Ecke der Gegner sammeln sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Gregor Gysi (Die Linke) und Thilo Sarrazin (SPD); zu den Fürsprechern gehören ihnen gegenüber Katja Kipping (Die Linke), Dieter Althaus (CDU) und Hans-Christian Ströbele (Grüne).

Die Unterstützer glauben, das Grundeinkommen würde für humanere Arbeitsbedingungen sorgen, den Menschen ihre Existenzängste nehmen und ihnen dafür die Freiheit geben, das zu tun, was sie wirklich wollten. Das Grundeinkommen, sagen dagegen die Kritiker, widerspreche dem Leistungsprinzip der Solidargemeinschaft, biete keine Lösung für das Verteilungsproblem, also die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich. Es sei bloß ein Freifahrtschein für Faulpelze. Sie glauben, dass niemand mehr freiwillig arbeiten gehe, wenn er im Monat 2500 Franken – oder gar Euro – für Nichtstun bekommen könnte.

„Ich habe noch niemanden getroffen, der dann sofort mit dem Arbeiten aufhören würde“, sagt Häni. Er beruft sich auf eine Umfrage, der zufolge das nur zwei Prozent der Schweizer planten. „Vielleicht“, sagt Häni, „ist etwas mit unserem Menschenbild nicht in Ordnung.“

Plötzlich gerät Daniel Häni in Eile. Er muss zum Bahnhof, er wird noch nach Zürich fahren. Seine Initiative „Generation Grundeinkommen“ hat dort einen großen Auftritt geplant, eine Roboterdemonstration quer durch die Innenstadt. Das heißt: 300 Menschen, die in selbst gebastelten Pappschachtelkostümen durch die teuerste Einkaufsstraße Zürichs hüpfen.

Touristen zücken ihre Smartphones, Rentner stehen kopfschüttelnd daneben. Ihre Botschaft, sagt Häni, sei eine positive: „Die Roboter wollen für uns arbeiten. Das heißt, sie wollen uns nicht unsere Existenz nehmen, sondern uns im Gegenteil dienen.“ Soll heißen: Roboter plus BGE gleich Selbstverwirklichung. Häni sagt: „Am 5. Juni werden wir gewinnen. Nur nicht die Mehrheit.“

Vermutlich hat er recht. Wenn derzeit in Parteizentralen, in Talkshows, Zeitungen und Internetforen über das bedingungslose Grundeinkommen gestritten wird, dann nicht, weil irgendwo auf der Welt ein Soziologe ein neues Experiment startet. Sondern weil Häni und sein Team das Thema emotional aufgeladen und es ins Leben von acht Millionen Schweizern katapultiert haben.

Das garantierte Einkommen, es mag noch nicht Realität werden. Aber der Gedanke ist in der Welt.»

Comments

  1. „[…] dann nicht, weil irgendwo auf der Welt ein Soziologe ein neues Experiment startet.“

    Es sind genau die Feldexperimente, die für die Entscheidung um ein bedingungsloses Grundeinkommens fehlen.

  2. mich wundert es sehr dass ich noch keinen Namen von bekannten Künstlern als Befürworter des BGE entdecken konnte, weder Schauspieler, Komedien,Sänger noch Bildende Künstler.
    Bin selbst so einer und musste mein ganzes Leben,(zumindest den Teil, den ich in der Schweiz lebte) hören wovon lebst du denn, oder du bist ja nur zu faul zum Arbeiten . Wie oft hatte ich echt kein Geld in der Tasche und wusste nicht woher das Nächste kommen sollte. Das kann doch nicht nur mir so gegangen sein……..und wie frei hätte ich mich mit einem BGE entfalten können, unvorstellbar, bin nun 64 Jahre u habe es geschafft zum BGE (Rente) fühle mich frei u kann mich jetzt frei entfalten. Spät aber ich geniessees und bin noch fit……..

    • mich wundert es sehr dass ich noch keinen Namen von bekannten Künstlern als Befürworter des BGE entdecken konnte, weder Schauspieler, Komedien,Sänger noch Bildende Künstler.
      Bin selbst so einer und musste mein ganzes Leben,(zumindest den Teil, den ich in der Schweiz lebte) hören wovon lebst du denn, oder du bist ja nur zu faul zum Arbeiten . Wie oft hatte ich echt kein Geld in der Tasche und wusste nicht woher das Nächste kommen sollte. Das kann doch nicht nur mir so gegangen sein……..und wie frei hätte ich mich mit einem BGE entfalten können, unvorstellbar, bin nun 64 Jahre u habe es geschafft zum BGE (Rente) fühle mich frei u kann mich jetzt frei entfalten. Spät aber ich geniessees und bin noch fit……..

Leave a comment