FDP-Präsident Philipp Müller kreuzt die Klingen mit dem Unternehmer Daniel Häni

 

Ein Streitgespräch in der Aargauerzeitung von Daniela Schwegler. Im Zentrum der Debatte steht der Begriff der Eigenverantwortung. Ist es eigenverantwortlich für sich selber zu sorgen? Oder ist es eigenverantwortlich nur Dinge zu tun, die man aus freiem Willen tut?

Epochale Entscheidung – Jeder Anreiz fällt weg  PDF 1 Seite

 

Ausschnitt:

Häni: Die Menschen arbeiten, weil sie einen Sinn sehen in dem, was sie tun. Je mehr Sinn sie sehen, desto mehr identifizieren sie sich mit der Arbeit, und desto besser ist die Qualität ihrer Arbeit. Nur für Geld zu arbeiten, ist wahrscheinlich unmöglich. Das macht niemand. Sondern Geld braucht es, damit man arbeiten gehen kann. Und damit sind wir bei der Zukunftsvision des bedingungslosen Grundeinkommens.
Müller: Absurd, dem kann ich überhaupt nicht folgen.
Häni: Es ist ein bahnbrechender Gedanke, wie es der vor 150 Jahren von Bismark auch war. Er sagte, wir müssen jedem helfen, der sich nicht selber helfen kann. Und legte damit die Grundlagen für den Sozialstaat mit der Krankenkasse und dem Rentensystem. Das war absolut revolutionär!

Wozu braucht es heute eine Änderung?

Häni: Weil wir nicht mehr im Industriezeitalter sind, sondern im Übergang zum Kulturzeitalter. Und da hat der Mensch eine neue Rolle, eine neue Position in der Gesellschaft, die sehr viel Eigenverantwortung beinhaltet.

Soweit sind Sie sich immerhin einig: Sie beide wollen die Eigenverantwortung stärken.

Häni: Ja, genau, aber einer, der aus Existenzgründen eine Arbeit erledigen muss, die er nicht will, kann nicht in dem Masse eigenverantwortlich handeln und ist moralisch nicht haftbar. Und hier gibt das Grundeinkommen einen Impuls. Damit der Mensch selbstverantwortlich entscheiden kann, was er tun will, muss seine Existenz gesichert sein.
Müller: Wollen Sie allen Ernstes sagen, der Mensch braucht Geld, damit er arbeiten kann? Das ist doch Tatsachenverdrehung pur!
Häni: Das ist faktisch so. Ich leite selber ein Unternehmen mit 50 Mitarbeitern. Im Bewerbungsgespräch ist immer die Frage, wie viel Geld muss zur Verfügung stehen, damit dieser Mitarbeiter bei uns arbeiten kann.

Das ist die Frage nach dem Huhn und dem Ei: Was ist zuerst, die Arbeit oder der Lohn?

Müller: Dass ein Grundeinkommen ohne irgendwelche Eigenleistung vereinbar ist mit Eigenverantwortung, ist jedenfalls ein Widerspruch in sich.
Häni: Aber Sie gehen mit mir einig, Freiwilligkeit ist die Voraussetzung für Haftbarkeit?
Müller: Das heisst, der Mensch kommt zur Welt und der Staat sagt, ich sorge für Dich. Und sobald ein Mensch für seinen Lebensunterhalt selber aufkommen muss, ist er nach Ihrer Logik von jeder Verantwortung entbunden?
Häni: Nein. Wenn er etwas aus Existenzdruck machen muss, ist er nicht im selben Grad verantwortbar wie jemand, der freiwillig arbeitet.
Müller: Jeder Mensch, der nicht arbeiten geht, null Geld hat, und doch Essen, Kleider und so weiter braucht, hat Existenznot. Das liegt in der Natur der Sache. Es ist dasselbe wie ein Auto ohne Benzin.
Häni: Genau, es braucht eine Grundtankfüllung, damit es fahren kann.
Müller: Und wenn der Tank leer ist, gehen Sie zum Staat und sagen, bitte einmal den Tank füllen?

Herr Häni, soll die «Tankfüllung» die Freiwilligkeit fördern?

Häni: Ja, mehr Freiwilligkeit bringt mehr Dynamik, mehr Kreativität – und mehr Haftbarkeit.
Müller: Das bringe ich nicht auf die Reihe. Die Eigenverantwortung kann ja nicht erst dann beginnen, wenn eine Familie schon 6300 Franken Einkommen hat, ohne irgendetwas zu tun. Und das alles soll dann noch eigenverantwortlich sein!

 

 

 

 

 

Comments

  1. Ein Argument das Herr Häni leider nicht nutzte:
    Unser heutiges Wirtschaftssystem hat leider einen groben Fehler. Die Schulden nehmen überall zu, die nötigen Renditen um uns Jungen eine AHV zu garantieren sind schlichtweg unmöglich. Alles baut nur auf permanentes Wachstum. Wachstum ist endlich und hier liegt der Hund begraben. Sind wir eigentlich fürs Geld da, oder ist es für uns da? Geld ist ein Mittel zum Zweck. Nicht mehr und nicht weniger. Punkt! Wir müssen von der Quantität zur Qualität. Die Rentenproblematik wäre mit dem bedingungslosen Grundeinkommen gelöst. Klar gäbe es Personen welche sich mit solchen Beträgen (welche ja nur einmal grob eine Richtung vorgeben), eine Zeit lang auf die faule Haut legen würden. Allerdings ist es doch so: Das geniesst man eine gewisse Zeit und dann wird man unzufrieden, weil man persönlich nicht weiter kommt. Man sucht sich also eine Tätigkeit welche man gerne ausübt, wo man sich auch selbst als Mensch weiterentwickelt. Dies steigert die Wertschöpfung, weil die Leute dann besser und effizienter sind und weil sie ausnahmslos arbeiten wollen. Stellen Sie sich vor, im grossen Supermarkt in Ihrer Nähe sind alle freundlich, weil ihnen der Job gefällt. Kein Verkäufer versteckt sich vor den Kunden. Das wäre auch ein Ende der Servicewüste… Wenn die Welt einen Ausweg aus den Schulden- und Währungskrisen suchen will, so muss man global neue Ideen entwickeln, diese diskutieren und Umsetzen. Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine solche Idee. Ich wünsche mir, dass es klappt. Es grüsst ein zukünftiger Wirtschaftsingenieur.

  2. Das scheitern des Kommunismus ist erst 20 Jahre her, aber scheinbar erinnert man sich bereits nicht mehr daran. Niemand gibt es zu, aber der Mensch ist von Natur aus faul (90% der Lottomillionäre verarmen). Wenn dieser Systemwechsel demokratisch eingeführt würde, würde ich jedenfalls nie mehr arbeiten gehen. Jetzt ernähre ich meine 5-köpfige Familie alleine, erhalte je nachdem nachher aber mehr ohne den Finger zu rühren.

    • Sehr geehrter Herr Bolli
      Die Leistungsgerechtigkeit hat weder mit Gerechtigkeit noch mit Leistung etwas zu tun. Ohne Faulheit wäre Leistung nicht messbar. Die Faulheit muss also systembedingt existieren, damit die Kapitalisten das Märchen der messbaren Leistung weiterhin verbreiten können. Mit der Leistungsgerechtigkeit konnte man die Riv alität einführen. Sie müssen also besser sein als ihre Mitmenschen. Die Rivalität wird es ihnen deshalb nicht erlauben, von ihren Mitmenschen ein positives Menschenbild entwerfen zu können. Die Arbeit selbst hat am Arbeitsplatz nur noch sekundäre Bedeutung. Anstatt sich mit seiner Arbeit zu identifizieren, verschwendet man seine wertvolle Lebenszeit mit der Rivalität. Wie der Name schon sagt, sind aussergewöhnliche Leistungen selten. Deshalb ist es so einfach, mit dem Wort „Faulheit“ die grosse Masse der Menschen zu diffamieren.
      Mit dem bedingungslosen Grundeinkommen können wir die tausendfachen Fehlbesetzungen in der Wirtschaft verhindern. Deshalb, Herr Bolli, betrachte ich ihren Rückzug aus der Arbeitswelt als positiv. Ihre freie Stelle kann jetzt mit einer motivierten Arbeitskraft besetzt werden. In Spanien und Griechenland gehen tausende Menschen auf die Strasse, weil sie keine Arbeit haben. Mehr als 90% der Millionäre gehen jeden Tag arbeiten, obwohl sie in Saus und Braus und ohne Arbeit ihre Freizeit geniessen könnten.
      Ich bewundere ihren Mut Herr Bolli. Mit ihrem negativen Menschenbild hätte ich niemals die Courage gehabt, drei Kinder auf die Welt zu bringen. Weshalb auch ? Damit diese dann arbeiten müssen ??

  3. Sehr geehrter Herr Müller
    Sie sind ein angenehmer Politiker. Selten kann ein Politiker zugeben, dass er einen Sachverhalt nicht auf die Reihe bekommt. Ich werde versuchen, Ihnen zu helfen.

    Sie behaupten also, wenn jemand nichts hat, dann müsse er selbstverantwortlich dafür sorgen, dass sich dieser Zustand mit Hilfe von Arbeit ändert.
    Klingt oberflächlich betrachtet ziemlich klug. Doch leider ist es nur die halbe Wahrheit. Wenn jemand nämlich soviel besitzt, dass er keine Arbeit mehr braucht, dann müsste dieser gemäss Ihrer Logik genauso selbstverantwortlich mit dem Arbeiten aufhören, damit es seine Mitmenschen etwas leichter haben.
    Noch einfacher formuliert:
    Wenn Armut ein Arbeits-Zwang sein muss, dann muss Reichtum ein Renten-Zwang sein.
    Sie dürfen also wählen Herr Müller:
    Entweder das bedingungslose Grundeinkommen, oder ein Arbeits-Verbot für Reiche. Ich persönlich empfehle das bedingungslose Grundeinkommen, weil dann die gierigen Menschen weiterhin ihre Gier ausleben können.

    Der Gierige und der Arbeitslose
    ( eine wahre Geschichte )
    Ich kannte beide Herren persönlich. Der Gierige besass 5 Vierzimmer-Eigentumswohnungen mit einer lächerlichen Restschuld von 60’000 Fr. Eine Wohnung benutzte der Gierige selbst und die restlichen wurden vermietet. Die monatlichen Mieteinnahmen betrugen 7400 Fr. Auch heute noch ein guter Monatslohn. Für den Gierigen war es jedoch nicht genug. Er suchte sich eine Arbeit.
    Der Zufall wollte es, dass einer seiner Vermieter sich für die gleiche Stelle beworben hatte. Der Gierige hatte gewonnen und die Stelle bekommen.
    Später musste der Gierige seinen Vermieter betreiben. Vor Gericht hatte der Arbeitslose keine Chance. Dem Richter war es völlig egal, dass der Gierige dem Arbeitslosen die Stelle geraubt hat. Ich wäre auch überrascht gewesen, wenn ein Richter soviel Denken könnte.
    Nun Herr Müller, ich hoffe sie kriegen es jetzt auf die Reihe. Wenn sie nicht auf den Raubtier-Kapitalismus verzichten können, dann gönnen Sie doch den Verlierer in unserer Gesellschaft ein bedingungsloses Grundeinkommen. Es gibt genug Abfall, Abgase, Sklaven und Huren auf unserem Planeten. Wir sind doch Menschen, und keine Raubtiere, oder ??
    Weshalb brauchen wir Wachstum ??
    Weshalb müssen Maschinen, die uns Arbeitslos machen keine Einkommens-Steuer bezahlen ??

    • Berichtigung meines Schreibfehlers:
      Ich habe in meiner Geschichte “ Der Gierige und der Arbeitslose “ einen Fehler gemacht.
      Anstatt „Vermieter“ sollte es natürlich „Mieter“ heissen.
      Sorry

      • Ich bin beeindruckt. Mich beelendet die Tatsache, dass viele „Gegner“ schon gar nicht den Respekt aufbringen, eine konstruktive Diskussion zu führen, sondern sich lediglich in absurder Weise dumm stellen um soziale Entwicklung zu stoppen und im Keim zu ersticken. Mir kommt es so vor als wäre das Ziel der Elite, den Tresor zu füllen um sich einen Platz auf der Arche zu sichern, vor dem grossen gesellschaftlichen Absturz. So hoffe ich auf Erkenntnis und anstelle von wirtschaftlich, politischer Verschmutzung, auf Menschlichkeit und Bewusstsein bevor die Systemrettung sämtliche Mittel- und Kraftresourcen verschluckt.

        Bevor wir die Erde aufräumen, müssen alle Verkrustungen in den Köpfen beseitigt werden.

        In diesem Sinne ein herzliches Dankeschön an alle Brain-Wall-E’s! 🙂

Leave a comment