„Faul wird nur, wer keinen Sinn sieht“

Interview mit Daniel Häni in der Zeitschrift ENORM:

 

Die Euro-Zone ist momentan in Aufruhr. Viele Deutsche äußern die Angst, dass ihr Geld in die Finanzierung eines anderen Staates fließt. Ist da die Diskussion um ein bedingungsloses Grundeinkommen richtig?  

Ja, sicher. Denn das bedingungslose Grundeinkommen veranschaulicht, wie wir zusammenleben. Wir versorgen uns heute nicht mehr selbst, sondern leben von den Leistungen anderer – nicht nur innerhalb eines Landes, sondern europäisch und global. Das bedingungslose Grundeinkommen fragt: Was würdest du tun, wenn alle anderen für dich arbeiten? Und es stellt die Frage, ob es nicht klüger und effizienter wäre, wenn wir dafür sorgen, dass unsere Mitmenschen gute Arbeitsbedingungen haben. Ohne Einkommen kann niemand arbeiten. Und schlechte Arbeitsbedingungen haben in der Regel auch schlechte Produkte zur Folge. Dass nun in Deutschland gesagt wird, dass man für die Griechen zahlen müsse, ist eine miese politische Finte und basiert auf Angstmacherei und Unverständnis den wirtschaftlichen Zusammenhängen gegenüber.

Ähnliche Ängste werden auch angesichts des Grundeinkommens genannt: es fördere Faulheit, niemand würde mehr arbeiten. Glauben Sie, dass in einem solchen Klima ein Grundeinkommen überhaupt eine Chance haben kann?

Ja, unbedingt. Das bedingungslose Grundeinkommen lässt nämlich die „Verschwörungstheorie“, dass die Menschen nicht arbeiten wollen, auffliegen. Wer versteht, dass der Mensch kein faules, sondern ein tätiges Wesen ist, der hat keine Angst vor einem Grundeinkommen. Faul wird man nur, wenn man in dem, was man macht, keinen Sinn sieht. Das ist dann ein natürlicher und im Grunde gesunder Reflex gegen Sinnlosigkeit.

Sie sagen: „Das bedingungslose Grundeinkommen ist die Voraussetzung für die zukünftige Leistungsgesellschaft.“ Was soll das bedeuten?

Die ehemalige Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler sagt: „Kreativität ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts.“ Das bedingungslose Grundeinkommen ist in meinen Augen das passende gesellschaftliche Werkzeug, diesen Rohstoff zu fördern. Alles, was berechenbar ist, wird in naher Zukunft automatisiert werden. Nicht aber die Kreativität und die Fähigkeit, selber zu denken. Alles, was Maschinen nicht können, wird in Zukunft von dem Menschen gefragt sein. Keine weisungsgebundenen Arbeitsplätze, sondern selbstbestimmte Tätigkeiten werden zukünftig die Leistungen erbringen.

Wie ließe sich ein bedingungsloses Grundeinkommen überhaupt finanzieren?

Das bedingungslose Grundeinkommen ist kein zusätzliches, sondern ein grundsätzliches Einkommen. Finanziell gesehen ist es ein Nullsummenspiel. Jemand mit einem durchschnittlichen Erwerbseinkommen von 7.500 Franken hat mit Grundeinkommen nicht mehr, sein Einkommen setzt sich dann nur anders zusammen: 2.500 Franken Grundeinkommen, 5.000 Franken Erwerbseinkommen. Die Finanzierung wird sehr praktisch zu machen sein: es wird eine Grundeinkommenskasse geben, in die gleichviel rausgeht wie reinkommt. Das Kriterium der Auszahlung ist klar: bedingungslos an alle. Das Kriterium der Einzahlung wird den politischen Vorlieben gemäss zu verhandeln sein.

Und was kostet das bedingungslose Grundeinkommen?

Da hier und heute bereits alle über ein bedingtes Grundeinkommen verfügen – sonst könnten sie nicht leben -, ist die Frage nicht nach mehr Geld, sondern nach weniger Bedingungen. Neu am bedingungslosen Grundeinkommen ist die Bedingungslosigkeit der Existenz. Sie kostet nicht Geld, sondern Vertrauen. Würden wir aufgrund der Bedingungslosigkeit untätig werden, wäre das bedingungslose Grundeinkommen dauerhaft nicht finanzierbar. Die eigentliche Finanzierungsfrage lautet: Wie wird sich eine bedingungslose Existenzsicherung auf unser Tätigsein auswirken? Hände in den Sack oder richtig loslegen? Oder vielleicht auch ganz einfach das Gleiche, aber besser? Auf alle Fälle: weniger Angst und weniger Stress.

Was muss aus Ihrer Sicht passieren, dass sich eine Stadt, eine Region oder gar ein Land auf ein solches Experiment einlassen kann?

Es braucht eine Portion Mut, einen klaren Kopf und die Bereitschaft Gewohnheiten loszulassen. Am besten für die Einführung sind direktdemokratische Prozesse. Das Interessante passiert als Bewusstseinsprozess vor und während der Einführung. Ist es mal eingeführt, wird es schnell selbstverständlich sein.

Gab es für so eine Art Aha-Erlebnis, dass Sie Fan von der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens begeisternwerden ließ?

Ja. Mich interessiert schon immer, was Menschen tun, wenn Sie nicht müssen. Als ich 1990 erstmals von der Idee las, dachte ich, diese Idee nimmt die Menschen ernst und dazu könnten wir in der Schweiz eine Volksinitiative lancieren. Nun stehen wir kurz vor der Volksabstimmung. Es ist keine Hauruck-Geschichte. Vielleicht braucht es mehrere Abstimmungen. Aber vielleicht kommt auch viel schneller der Zeitpunkt der Einführung. Wahrscheinlich aus pragmatischen Gründen nicht aus moralischen.

Was ist an der Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen so „schweizerisch“?

Die Initiative fußt auf Grundwerten der Schweiz wie Selbstbestimmung, Subsidiarität und Eigenverantwortung. Das Grundeinkommen ist der nächste Schritt in der Weiterentwicklung der Demokratie. Es ist ein wirtschaftliches Bürgerrecht. Katja Kipping, die Vorsitzende der Linken, nennt es „Demokratiepauschale“. Es lässt mich souveräner werden in der Lebensführung. Es lässt mich auch gegebenenfalls Nein sagen – und noch viel wichtiger: mit mehr Kraft Ja sagen. Es stärkt die Verantwortungsfähigkeit, die in jedem Mensch angelegt ist. Wer keine Existenzangst hat und frei entscheiden kann, trifft meistens bessere Entscheidungen. Nicht nur für sich, sondern auch für die Gemeinschaft.

Wie ist der aktuelle Stand der Initiative? Was sind Ihre nächsten Pläne?

Die Volksinitiative ist mit 126.000 Unterschriften im Herbst 2013 erfolgreich bei der Berner Bundeskanzlei eingereicht worden. Nun wird die Eidgenossenschaft die Volksabstimmung durchführen mit der Frage, ob wir in der Schweiz ein bedingungsloses Grundeinkommen einführen wollen, dass für alle und in einer Höhe ist, die ein menschenwürdiges Leben erlaubt. Der Abstimmungstermin ist voraussichtlich im Herbst 2016. Das ist dann das erste Mal, dass in einem ganzen Land über eine solche Frage abgestimmt wird. Wir freuen uns sehr auf die Zuspitzung der Debatte, die nun folgt und die Kampagne, die wir dazu gestalten werden.

FacebookTwitterGoogle+Google GmailPrint

Comments

  1. Bänker! Broker! Finanzhai jeglicher Art sind prinzipiell die ersten, wenn nicht die einzigen, die im Falle eines bedingungslosen Grundeinkommens in grenzenloser Faulheit und Lustlosigkeit versinken würden, da deren berufliche Motivation heutzutage prinzipiell daraus besteht, „das Geld für sich arbeiten zu lassen…“ und NICHT „sich selbst in produktiven,kreativen Schaffensprozessen zu verwirklichen. Ein krankes System angeführt von kranken Menschen will nicht wirkliche „geheilt“ werden.

Leave a comment